Man sollte warten können

Ach, aber mit Versen ist so wenig getan, wenn man sie früh schreibt. Man sollte warten damit und Sinn und Süßigkeit sammeln ein ganzes Leben lang und ein langes womöglich, und dann, ganz zum Schluß, vielleicht könnte man dann zehn Zeilen schreiben, die gut sind. Denn Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug), – es sind Erfahrungen.

Um eines Verses willen muß man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muß die Tiere kennen, man muß fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärde wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen.

Man muß zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und an Abschiede, die man lange kommen sah, – an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken mußte, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen anderen -), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, an Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, – und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf.

Man muß Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muß man gewesen sein, muß bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen.

Und es genügt auch noch nicht, daß man Erinnerungen hat. Man muß sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muß die große Geduld haben, zu warten, daß sie wiederkommen.

Denn die Erinnerungen selbst es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, daß in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

(Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge)

Datum: 29. Dezember 2015
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6 Kommentare

  1. Gabriela | Dienstag, 29. Dezember 2015 8:33
    1

    boah. also Schweigen.
    Ein sehr stiller, versloser Gruss für dich.
    Und danke für dieses Fundstück.
    Gabriela

  2. mona lisa | Dienstag, 29. Dezember 2015 11:15
    2

    Sehr, sehr gern!
    Freue mich immer, wenn ich bemerke, dass du hier liest.
    Ich vermisse deine Blogbeiträge!
    Herzliche Grüße!

  3. Gabriela | Dienstag, 29. Dezember 2015 19:02
    3

    ich auch! :°(

  4. Sonja | Dienstag, 29. Dezember 2015 19:48
    4

    So immerwährend schöne,gute Worte!
    Ein Abendgruß zu Dir von
    Sonja

  5. Quer | Mittwoch, 30. Dezember 2015 7:58
    5

    Es hat wunderbare Gedanken im Text. Aber ob man wirklich so lange warten sollte? Es kann auch zu spät sein irgendwann. Und Rilke selbst hat doch auch früh schon geschrieben.
    Aber das Schreiben setzt Erfahrung voraus, darin gebe ich dem Meister des Worts Recht.
    Und dir ein Dankeschön fürs Präsentieren.

    Lieben Gruss,
    Brigitte

  6. mona lisa | Mittwoch, 30. Dezember 2015 8:46
    6

    Man muss ja auch nicht immer alles gut finden.
    Ich „picke“ das mir zuträgliche aus solchen Texten heraus, koste und genieße es.
    Und: Man kann auch in jungen Jahren schon vielfältigste Erfahrungen gemacht haben ;)
    Mit lieben Gruß!

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