Mensch ohne Pass

Ich bin aus aller Ordnung ausgetrieben.
Sie nennen mich ein Emigrantenschwein.
Sie sagen, wärst du doch zu Haus geblieben!
Ich aber wollte ein Charakter sein.
Ich sagte „Guten Tag“ statt „Heil“ zu rufen,
Da hat man mir die Schutzhaft angedroht,
Doch ich bin nicht zum Märtyrer berufen.
Ich floh- aus einer Not- in andre Not.
Jetzt bin ich ein unangemeldetes Leben,
Ich habe keinen Paß.
Ich stehe daneben und bleibe daneben-
Den Beamten ein ewiger Haß.
Die Staaten haben herrliche Devisen!
Nach Frankreich gewendet:
Hier drüben „Freiheit, Gleichheit, Bruderschaft“,
Nach der Schweiz gewendet:
Und dieses Land wird als Asyl gepriesen.
Doch mich erwartet hier und dort nur Haft.
So wie ich bin, so bin ich ungesetzlich.
Zwar schlägt man nicht, man ist zivilisiert,
Doch, bin ich körperlich auch unverletzlich,
Die Seele darf man foltern, ungeniert.
Jetzt bin ich ein unangemeldetes Leben,
Ich habe keinen Paß.
Ich stehe daneben und bleibe daneben-
Den Beamten ein ewiger Haß.
Doch jetzt gibt’s Kommissionen, wie ich höre,
Die kümmern sich um uns und meinen’s gut;
Denn sie beschließen, daß ich nicht mehr störe,
Doch der Beschluß kommt in Beamten-Hut.
Und bis die Paragraphen sich ergänzen
Braucht’s lange Zeit- inzwischen geht’s mir schlecht.
Man scheucht mich heimlich über fremde Grenzen.
Bis ich krepiere- durch Gesetz und Recht.
Dann bin ich ein unabgemeldetes Leben,
Und ich brauche keinen Paß.
Dann steh ich darüber und nicht mehr daneben,
Über den Grenzen und über dem Haß.

(Max Werner Lenz)

Datum: 14. Januar 2016
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Ein Kommentar

  1. Quer | Donnerstag, 14. Januar 2016 8:43
    1

    Traurig und oft so wahr!

    Lieben Gruss,
    Brigitte

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