Gavriel Savit, Anna und der Schwalbenmann

Anna Lania ist gerade mal sieben Jahre alt und ungewöhnlich sprachbegabt. „Mit ihren knapp sieben Jahren sprach Anna fließend Deutsch, Russisch, Französisch und Englisch, konnte sich auf Jiddisch und Ukrainisch verständigen und besaß Grundkenntnisse in Armenisch und dem karpatischen Romani. … Lange dachte Anna sogar, dass jede Sprache, die ihr Vater sprach, auf den jeweiligen Gesprächspartner zugeschneidert war wie ein Maßanzug.“

Was „Krieg“ bedeutet ist ihr nicht wirklich klar. Unklar ist ihr auch, dass Deutsche den Begriff „Juden“ verwenden, denn „Reb Schmulik sagte nicht Jude. Reb Schmulik sagt Jid.“ Darüber hinaus bemerkt sie überall Veränderungen, die sie nicht versteht. Sie bekommen weniger Besuch, ihr Vater geht mit ihr kaum noch nach draußen. Und: Es gibt weniger Kekse von Doktor Fuchsmann, dem deutschen Apotheker, bei dem sie öfter ist, wenn ihr Vater beruflich unterwegs ist und Anna nicht mitnehmen kann. Heute ist der Apotheker sehr nervös, als er bemerkt, dass Annas Vater nicht kommt, um sie abzuholen. Anna dagegen macht sich keine Sorgen. Sie hat schon öfter erlebt, dass ihr Vater sehr spät gekommen ist. Dann hat Doktor Fuchsmann sie mit nach Hause genommen. Doch heute weigert er sich. Sie darf zwar noch in seiner Apotheke übernachten. Doch am nächsten Morgen schickt er sie weg.

Anna soll ihren Vater nie wieder sehen. Sie kann aber auch nicht in die Wohnung, da der Vater abgesperrt hat. Also wartet sie auf der Straße. Dort fällt ihr ein langer dünner Mann auf, der sie ebenfalls bemerkt und sie fragt: „Und wer bist du?“

Anna kann nicht gleich antworten, so spricht er sie in verschiedenen Sprachen an. Doch erst die Frage: „Geht es dir gut?“ ruft eine Reaktion bei ihr hervor. Sie weint, denn gut geht es ihr wirklich nicht und schon lange hat sie keiner mehr danach gefragt, wie es ihr geht.

Der Mann vermag eine vorbeifliegende Schwalbe auf seiner Hand landen zu lassen, was Anna ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Anschließend geht er in die Apotheke, kümmert sich aber um die wartende Anna nicht mehr, als er die Apotheke verlässt. Anna, die von der „beunruhigenden Ausstrahlung“ des Schwalbenmannes, wie sie ihn nennt, der „leisen Intensität“ fasziniert ist, läuft ihm hinterher, zumal sie glaubt, in ihm „einen Bruder ihres seltenen Stammes gefunden zu haben: einen Mann der vielen Sprachen“. Als er ihr dann auch noch einen Keks schenkt, ist sie sicher: Er ist ihr geschickt, um auf sie aufzupassen.

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© Arthur Cohen

„Für Anna fand durch ihn eine wunderbare Verwandlung statt. Es war die symbolische Übertragung der väterlichen Weihe von Doktor Fuchsmann auf den großen dünnen Mann, und sie war besser als jedes gesprochene Wort, das sich Anna erhofft hatte.“ Anna folgt dem sehr schweigsamen Schwalbenmann auf seiner Wanderschaft durchs Land, fast immer abseits der Dörfer. Sie lernt von ihm, sich so zu verhalten, dass Menschen, denen sie begegnen, nicht misstrauisch werden und Fragen stellen. Sie lernt in den Wäldern zu leben, zu überleben. Und es entwickelt sich eine ungewöhnliche Beziehung zwischen ihr und dem Schwalbenmann, bis Anna dann auffällige körperliche Veränderungen an ihm bemerkt und sein Verhalten ihr gegenüber sich rapide verschlechtert.

Es ist ein leiser, dennoch spannender Jugendroman, geschrieben zumeist aus der Perspektive des Kindes, doch der auktoriale Erzähler ist immer wieder zu spüren mit seinem Überblick, seinem Wissen, seiner geschichtlichen Kenntnis, seinen Kommentare, die dann meist so gar nichts Kindliches an sich haben.

Savits Erstlingsroman ist ein Buch übers Erwachsenwerden in besonders schwierigen Zeiten, in Zeiten des Zweiten Weltkrieges, als Jüdin im besetzten Polen. Es ist eine Geschichte über Flucht, menschliche Einsamkeit und den Willen zu überleben – trotz allem.
Ein lesenswerter Roman, empfehlenswert für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.

Gavriel Savit, Anna und der Schwalbenmann, a.d.Engl. v. Sophie Zeitz, Illustrationen v. Laura Calin, CTB Verlag München 2016, 274 S., ISBN 978-3-570-16404-4

Datum: 29. Februar 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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