Antje May, Mascha, du darfst sterben

Es gibt Menschen, die träumen davon, Bücher zu schreiben, und schreiben dann nie welche, zumindest veröffentlichen sie keine. Und es gibt Menschen, die haben nie daran gedacht, Bücher zu schreiben. Doch dann ereignet sich etwas so Gravierendes in ihrem Leben, dass ein Buch zu schreiben für sie zur Not-Wendigkeit wird.
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Antje May wünscht ihrer Tochter noch viel Spaß mit ihrer Freundin, mit der Mascha die Karnevalstage verbringen will. Sie hört ihre Tochter die Holztreppe hinunterlaufen und ein wenig später vernimmt sie dann einen dumpfen Knall, der sie zum Küchenfenster gehen und hinaussehen lässt. Ihre Tochter kann sie nicht sehen, weder auf dem Bürgersteig, noch im wartenden, hell erleuchteten Bus. Unten angelangt, sieht sie ihre Tochter verletzt auf der Straße liegen.

Ab dem Moment ist in ihrem Lebens nichts mehr wie vorher. Die Tochter liegt mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma im Krankenhaus und nach einiger Zeit ist klar, dass sie nie wieder ein selbstständiges Leben wird führen können. Soll, muss ihre Tochter auf jeden Fall leben oder darf sie sterben? Doch wer entscheidet bei einer Minderjährigen, was noch getan werden soll, muss, was unterlassen werden darf? Die Ärzte oder die Mutter, der man immer wieder – versteckt damit droht – ihr das Sorgerecht zu entziehen?

„Da entscheiden fremde Menschen über den weiteren Lebensverlauf meines Kindes. Ich fühle Mascha und mich entwürdigt. Ohnmächtig. Wütend. Eine Gerichtsverhandlung ohne die Angeklagten. Das kann man machen?“

Hilflosigkeit, Fragen über Fragen – auf Seiten der Ärzte und der nahen Verwandten, bis man nach fünf Monaten entscheidet, Mascha in ein Hospiz zu verlegen, sie sterben zu lassen und sie liebevoll und menschlich dabei zu begleiten.

„Ist es nicht auch ein verrücktes Unterfangen, sich von einem Menschen verabschieden zu müssen, der noch da ist? Wie wussten nicht, wie das geht.“
Und dann geht es doch.

Dieses Buch ist eine sehr persönliche Aufarbeitung des Erlebten, gleichzeitig ist es „Das letzte Versprechen am Totenbett. Es war nicht umsonst. … Ich möchte Menschen zum Nachdenken anregen. Ärzte, Pflegende, Angehörige. Letztendlich alle Menschen. Auch ich habe einmal daran geglaubt, dass es immer andere trifft. Ein schlimmes Ereignis, eine Tragödie.“

Für Anja May ist das Schreiben dieses Buches gleichzeitig auch Zeugnis dafür, wie man mit solch „schlimmen Ereignisse und Tragödien“ überleben und weiterleben kann, auch wenn man zunächst das Gefühl hat, völlig den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie will für andere erreichen, dass sie sich mit diesen schwierigen Themen auseinandersetzen. Denn die zunehmenden medizinischen Fähigkeiten, Menschen am Leben zu erhalten, machen eine Auseinandersetzung über lebenswertes Leben bzw. über selbstbestimmtes Sterben notwendiger denn je.

Die Autorin hat sich nach dem Tod ihrer Tochter in das finnische Sommerhaus zurückgezogen, schreibt dort und beginnt in kleinen Schritten gleichzeitig ihr anderes Leben – ohne Mascha, der dieses Buch gewidmet ist.

Antje May, Mascha, du darfst sterben. Wenn der Tod Erlösung ist. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, 190 S., ISBN 978-3-579-08634-7

Datum: 29. April 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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