Franziska Walther, Werther reloaded

Noch eine Neuauflage des Klassikers? Ja! Und was für eine!
Schlägt man dieses Buch auf, begegnet man Bildern, die ein Kenner des Originaltextes mit Goethes Werther zunächst kaum in Verbindung bringen würde.
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„© Franziska Walther / kunstanst!fter verlag“

Sie schaffen es aber sofort, einen in ihren Bann zu ziehen, neugierig zu machen, zu blättern, sich über die zwei (!) farblich zum Buch passende Lesebändchen zu freuen und zu wundern.

Doch dann erkennt man an den Papierrändern, eine Zweiteilung im Buch, die im zweiten Teil mit der persönlichen Rezeptionsgeschichte der Illustratorin beginnt.

Franziska Walther hat den ursprünglichen Text, den sie – sicher wie so viele – als Schullektüre nicht wirklich geliebt, verstanden und in seiner Tiefe und Aktualität ermessen konnte, als Erwachsene erneut in die Hand bekommen und war:

„verblüfft: Ich entdeckte neue Facetten im Text, die mir jetzt soviel spannender erschienen als zu Teenagerzeiten. In diesem Moment wurde die Idee zu ‚Werther reloaded‘ geboren.“

Sie hat Goethes Originaltext nicht einfach nur bebildert, sondern den „Plot des Originaltextes erweitert, dekonstruiert und transformiert“, hat also ihren eigenen modernen Werther geschaffen, der in New York lebt und dennoch eine hohe, überprüfbare Übereinstimmung mit dem Originaltext aufweist.

Entstanden ist ein kaum zu beschreibendes Buch, das man anschauen, lesen und in dem man vor allem immer wieder neue Facetten entdecken kann, die man beim ersten Betrachten der Seiten gar nicht oder nicht wirklich wahrgenommen hat.

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„© Franziska Walther / kunstanst!fter verlag“

Auffallend sind durchgängig wiederkehrende Elemente in den Bildern auf, die in ihrer Bedeutung im zweiten Teil erläutert werden und so ein tieferes Verständnis des Werkes ermöglichen.
So schaut einem schon auf dem Titelbild ein Werther an, dessen Kopf nicht durch einen Hals mit dem Körper verbunden ist. Und das ist bis fast zum Ende der Geschichte so.

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„© Franziska Walther / kunstanst!fter verlag“

Die Bilder dienen nicht nur der Illustration eines Textes, sondern haben selbst Textcharakter, der interpretiert werden kann. Dadurch ist ein unglaublich vielschichtiges Bild eines modernen, in sich zerrissenen Werthers entstanden, zu dem sicher junge Leser vielleicht eher Zugang finden als über den Text Goethes, der im Anhang nachzulesen ist.

Als Leser kann man- mit Hilfe der beiden Lesebändchen – sinnlich und haptisch den „Dialog beider vorliegender Werke“ nachvollziehen, vergleichen und sich mit sehr viel Spaß mit diesem wirklich gelungenen Kunstbuch vergnügen. Denn ein Vergnügen ist es in jeder Hinsicht. Mir hat noch keine Bearbeitung dieses Klassikers so gut gefallen.

Franziska Walther, Werther reloaded, Kunstanst!fter Verlag, Mannheim 2016, ISBN 978-3-942795-37-1

Datum: 12. Mai 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. 1

    […] ein Kenner des Originaltextes mit Goethes Werther zunächst kaum in Verbindung bringen würde.« Monika Stemmer auf Mona Lisa bloggt 12.Mai […]

  2. 2

    […] Schlemihls wundersame Geschichte«, »Der Zeitsparer«und die 2016 erschienene Graphic Novel »Werther Reloaded« ist »Hoch hinaus« ihr erstes […]

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