Gottfried Keller, Kleider machen Leute

Die Edition Büchergilde hat die bekannte Novelle von Gottfried Keller als „Graphic Novel“ herausgegeben.

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Martin Krusche/Edition Büchergilde

Der 1982 geborene Illustrator Martin Krusche hat die Geschichte des Schneidergesellen Wenzel Strapinski in eine heutige Großstadt verlegt – dem verwendeten Slang nach – könnte es Berlin sein.

Kellers Geschichte des arbeitslosen Schneiders beginnt so:
„An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstraße nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig in den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte, und die Finger schmerzten ihn ordentlich von diesem Drehen und Reiben.“

Im Prolog der Graphic Novelle erfährt der Leser Folgendes:
„…UND SO SCHWER ES MIR ALS CHEF DES SUPERMARKTES AUCH FÄLLT, HERR STRAPINSKi, MUSS ICH IHNEN LEIDER MITTEILEN; DASS ES AUS BETRIEBLICHEN GRÜNDEN NICHT MÖGLICH IST; SIE ALS KASSIER-KRAFT WEITER BEI UNS ZU BESCHÄFTIGEN:
DESWEGEN WERDEN WIR SIE KURZFRISTIG UND ZUM NÄCHSTMÖGLICHEN ZEITPUNKT – ALSO HEUTE – KÜNDIGEN. WIR WÜNSCHEN IHNEN TROTZDEM ALLES GUTE WEITERHIN!“

Arbeitslos kann er seine Miete nicht mehr zahlen. Ihm wird daher auch die Wohnung gekündigt. Seine Vermiterin verabschiedet ihn zu Beginn der Graphic Novel so:

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Martin Krusche/Edition Büchergilde

In Bildern mit eingearbeiteten Sätzen wird die weitere Handlung erzählt. Da sieht man dann Strapinski z.B. mit heruntergelassenen Hosen auf dem Klo sitzend : SHIT! IN WAS BIN ICH HIER NUR REINGERATEN?“

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Martin Krusche/Edition Büchergilde

Für mich kommen die Texte der Bildergeschichte an die sprachliche Vorlage nicht heran, weil sie die inneren Befindlichkeiten des Arbeitslosen m.E. nicht annähernd darstellen können, ein Problem, das oft auch bei der Verfilmung von Literatur entsteht.

Aber vielleicht ist es eine sinnvolle Möglichkeit, junge Leser an die Geschichte mit ihrer Thematik von mehr Schein als Sein, von Unterwürfigkeit sogenannter „Honoratioren“ vor den Reichen darzustellen, heute noch genau so aktuell wie zu Kellers Zeiten. Unter diesem Aspekt ist es diese Graphic Novel auf jeden Fall eine angemessene und zeitgemäße Bearbeitung.

Als literarisch Interessierter muss man sich mit der zwangsläufigen sprachlichen Reduzierung ja nicht zufrieden geben, denn die Novelle Kellers ist im zweiten Teil abgedruckt und nachzulesen.
Dann kann man vergleichen und zu einer eigenen Beurteilung kommen, die sicher sehr unterschiedlich ausfallen kann, je nach Schwerpunkt, Maßstab und eigenen Vorlieben.

Gottfried Keller, Kleider machen Leute. Eine Graphic Novel von Martin Krusche, Edition Büchergilde, Frankfurt am Main 2016, 151 S., ISBN 978-3-86406-57-1

Datum: 18. Mai 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. Quer | Mittwoch, 18. Mai 2016 15:42
    1

    Danke für diese schöne Besprechung.
    Ja, da muss sich wohl jedes selber eine Meinung bilden.

    Lieben Gruss in den sonnigen Abend,
    Brigitte

  2. mona lisa | Donnerstag, 19. Mai 2016 8:35
    2

    Gern, das ist wohl bei jedem Buch so.
    Dieses Mal war ich mir nur selbst nicht so wirklich sicher ;)
    Liebe Grüße.

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