Hans-Ulrich Treichel, Tagesanbruch

Es ist eine kurze Erzählung, leise, sehr einfühlsam und berührend.

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Eine Mutter sitzt auf dem Bett ihres Sohnes, den sie auf ihren Schoß gebettet hat. Er ist gerade gestorben. Noch ist es mitten in der Nacht. Bis zur Morgendämmerung will sie mit der Benachrichtigung des Arztes warten, der dann die notwendigen Schritte einleiten soll.

„Wenn der Tag begann, begannen die Sorgen.“ Ein Satz, der sich wie ein Motiv durch die Erzählung zieht. Doch jetzt genießt sie noch die Zweisamkeit mit ihrem Sohn, die sie zu seinen Lebzeiten so nicht erleben durfte.

Assoziationen an eine Pietà stellen sich unmittelbar ein.

Sie erzählt ihrem toten Sohn aus ihrem Leben und zwar das, was Zeit seines Lebens und zu Lebzeiten ihres Mannes nicht ausgesprochen werden konnte und mit dem Zweiten Weltkrieg begann:

„Man kann nicht nur seinen Kindern nicht alles erklären, man kann auch sich selbst nicht alles erklären. Das Schlimme ohnehin nicht. Aber das weniger Schlimme manchmal auch nichtt.“

Ihre Geschichten ist die Geschichte einer Generation, die im Krieg alles verloren hat

„Nichts, was nicht kaputtgegangen war.“

und nach dem Krieg beginnt, durch harte unermüdliche Arbeit – „Wir arbeiteten ja schließlich Tag und Nacht. Speziell dein Vater, der dann auch für zweigearbeitet hat. Mit nur einem Arm.“ – wieder Boden unter den Füßen zu bekommen.
Sichtbare Zeichen des neuen Wohlstands sind ein Klavier, auf dem niemand spielt, Sammeltassen und das zwölfteilige (Kaffee-) Geschirr. „Für die große Gesellschaft.“ Die dann in dieser Familie – wie in den meisten anderen wohl auch – nie stattgefunden hat.

Es muss nach den Erfahrungen des Krieges „etwas von Dauer sein.“ Die Sehnsucht nach Sicherheit, Beständigkeit muss die Ängste und Traumata dieser Generation imZaum halten, die über das, was ihr widerfahren ist, überhaupt nicht oder erst nach Jahrzehnten reden kann.

Der Sohn muss erst gestorben sein, dass die Mutter aussprechen kann, was sie und ihr kriegsversehrter Mann auf ihrer Flucht erlebt haben.

Eine wahrhaft große Erzählung!

Hans-Ulrich Treichel, Tagesanbruch, Erzählung, Berlin 2016, 87 S., ISBN 978-3-518-42525-1

Datum: 28. August 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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4 Kommentare

  1. seelenruhig | Montag, 29. August 2016 5:26
    1

    Das klingt sehr interessant – schwere Kost vermutlich – aber in dieser Generation ist viel Leid passiert und es ist gut, immer wieder das Verständnis dafür zu wecken. Es erinnert mich an ein Gespräch, das ich gestern geführt habe.. und mich nun doch wieder etwas weicher stimmt in meiner Meinung, …..

    liebe Grüße von Ellen

  2. Quer | Montag, 29. August 2016 6:09
    2

    Eine feine Besprechung ist das. Ich kann mir denken, dass diese Lektüre unter die Haut geht.
    Danke und liebe Grüsse zum Wochenbeginn,
    Brigitte

  3. mona lisa | Montag, 29. August 2016 7:44
    3

    seelenruhig, es ist schwere Kost, die aber sehr unaufgeregt daherkommt, viel bleibt dem eigenen Einfühlungsvermögen überlassen – und das finde ich gut so.
    Liebe Grüße

  4. mona lisa | Montag, 29. August 2016 7:45
    4

    quer, das tut sie, fein, leise, unaufgeregt
    Dir eine angenehme Woche!

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