Pierre Jarawan, AM ENDE BLEIBEN DIE ZEDERN

„Wer glaubt, er habe den Libanon verstanden,
dem hat man ihn nicht richtig erklärt.“
Libanesisches Sprichwort

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Den Libanon nach der Lektüre dieses Romans zu kennen, wäre eine vermessene Behauptung. Der Leser erhält allerdings tiefen Einblick in das Leben Samirs, des Ich-Erzählers, der mit seinen Eltern und seiner Schwester in Deutschland lebt, in einer Siedlung, in der viele Menschen mit Migrationshintergrund leben.

„Das hier hätte die abseitige Straße eines Viertels in Zahlé sein können, Vaters Heimatstadt an den Ausläufern des Libanon-Gebirges. Zahlé, Stadt des Weins und der Poesie. Stadt der Schriftsteller und Dichter. Um uns herum nur Libanesen, die sprachen und aßen und feierten wie Libanesen.“

Samir wächst behütet auf, erlebt seinen Vater als „fröhlichen Geist, tänzelnd auf den guten Nachrichten des Lebens, während die schlechten nie den Weg in seine Gehörgänge fanden; als verhindere ein einzigartiger Glücksfilter ihr Eindringen in seine Gedanken.“

Ein Vater, der ihm Geschichten von Abou Youssef erzählt, ihn damit in eine zauberhafte Märchenwelt entführt, ihn abends nach der Gute-Nacht-Geschichte zudeckt und zärtlich auf die Stirn küsst, der mit ihm Nusschalenbötchen fahren lässt, so dass sich Samir als phönizischer Nussschalenschiffskäptän fühlt und in dem Jungen eine Sehnsucht nach dem Libanon weckt, indem er ihm von den Zedern erzählt, die auch Teil der Nationalflagge sind.

Und dieser Vater verschwindet eines Tages und kehrt nicht mehr zurück. Da ist Samir erst acht Jahre alt. Keiner kennt den Grund seines Verschwindens, obschon Samir bemerkt hat, dass das unbeabsichtigte Zeigen eines Dias, das den Vater in einer Militäruniform mit Pistole im Gürtel zeigt, sein sonst so heiteres Wesen von einem Tag auf den anderen verändert hat. Nur warum? diese Frage kann ihm keiner beantworten, weder die Mutter, noch Hakim, der Freund des Vaters, der mit seiner Tochter Yasmin unter ihnen wohnt.

Die letzte Geschichte von Abou Youssuf ist der einzige Trost des Jungen in seiner Verlassenheit und Einsamkeit.„Ich lernte, die Idee zu pflegen, dass er zwar nicht mehr bei uns war, uns jedoch weiterhin liebte.“

Der Roman erzählt, wie Samir versucht hat, mit dem Verlust des Vaters zu leben und dabei an seinem eigenen Leben fast vorbei lebt. Er wird zum „phönizischen Nussschalenkapitän, auf der Suche nach dem Unbekannten.““Du atmest, Samir … Aber du lebst nicht.“

Seine Freundin gibt ihm den Verlobungsring zurück:
„Du musst diese Reise machen, das wissen wir beide. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als sich für den Rest des Lebens an meiner Seite zu haben. Aber du musst erst dein Leben auf die Reihe kriegen, Samir. … wann du zurückkommst, spielt keine Rolle. … Die Frage ist vielmehr, wie.“

Und Samir macht sich auf die Reise in den Libanon. Dieser Roman beginnt mit einem Überfall auf ihn im Libanon, gefolgt von Erzählungen aus seiner Kindheit, vor dem Verschwinden des Vaters, in die zunehmend die Erlebnisse auf seiner Reise eingeflochten werden, bis die Kapitel – ähnlich wie in einem Film – schnittartig mal in Deutschland und dann im Libanon spielen. Der Roman beginnt gemächlich erzählend, nimmt dann immer mehr Fahrt auf und zieht den Leser mit der Frage, ob er nun seinen Vater findet oder nicht, in seinen Bann, zumal man mit Samir entdeckt, dass die Abou Youssuf Geschichten des Vaters Geschichten über reale Personen sind, mit denen sein Vater vor der Flucht nach Deutschland im Libanon zu tun hatte. Sie sind ihm zunehmend Hilfe auf der Suche nach dem Vater.

Ein wirklich empfehlenswerter, spannender Roman, der voraussetzt, dass man sich auf die geschichtenhafte ausführliche Art des Erzählens einlassen kann. Dann aber ist der Roman ein Genuss!!! Und von den Wirren des libanesischen Bürgerkrieg bis 1992 bekommt man auch so einiges mit.

Pierre Jarawan, AM ENDE BLEIBEN DIE ZEDERN, Roman, Berlin Verlag, München Berlin 3.Aufl. 2016, 446 S., ISBN 978-3-8270-1302-6

Datum: 4. August 2016
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6 Kommentare

  1. 1

    […] Pierre Jarawan, AM ENDE BLEIBEN DIE ZEDERN, Berlin Verlag, S. […]

  2. Karl | Donnerstag, 4. August 2016 7:27
    2

    Guten Morgen Monika,
    das klingt wirklich lesenswert, Danke!

  3. mona lisa | Donnerstag, 4. August 2016 7:45
    3

    Gern, mir hat er wirklich gut gefallen, es braucht nur ein wenig Geduld oder innere Gelassenheit, sich darauf einzulassen!
    Dir einen angenehmen Tag!

  4. Sonja | Donnerstag, 4. August 2016 20:28
    4

    „phönizischer Nussschalenkapitän“ – das nehme ich mit, eventuell noch mehr…
    Gruß von Sonja

  5. Gabriela | Freitag, 5. August 2016 11:27
    5

    findet er den Vater?

  6. mona lisa | Freitag, 5. August 2016 14:59
    6

    Tja, soll ich das jetzt wirklich hier verraten?
    Schön, wieder von dir zu hören/lesen.
    Gibt’s deinen Blog nicht mehr? Der Link jedenfalls funktioniert nicht mehr?
    Liebe Grüße

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