Han Kang, Die Vegetarierin

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„Mittelgroß, ein Topfschnitt, irgendwo zwischen kurz und lang, gelbliche unreine Haut, Schlupflider und dominante Wagenknochen. Ihre farblose Kleidung zeugte von ihrer Scheu, etwas von sich preiszugeben.“

Sie, das ist Yong-Hye, die von ihrem Ehemann als an Durchschnittlichkeit kaum zu überbieten beschrieben wird. Das einzig Ungewöhnliche an ihr: Sie trägt keinen BH, sehr zum Unmut ihres Ehemannes, der sonst mit ihr zufrieden ist. Denn sie macht keine Scherereien, redet nicht viel und bedient ihn mit Essen, wann immer er nach Hause kommt. Aus seiner Sicht also die ideale Ehefrau. Stets zu Diensten!

Doch das ändert sich schlagartig: Eines Tages entfernt Yong-Hye sämtliche Lebensmittel aus dem Gefrierschrank, die tierische Anteile enthalten, und weigert sich von da an strikt, Fleisch zuzubereiten, zu essen und mit ihrem nach Fleisch riechenden Ehemann zu schlafen. Die einzige Erklärung, die sie – mit erstaunlich klarer Stimme – dazu abgibt, lautet:

„Ich hatte einen Traum.“ „Dieser Traum zu dem ich keinen Zugang fand und den ich nicht verstand, auch keinen Versuch dazu unternahm, war jedenfalls der Grund für ihre Gewichtsabnahme.“

Was nun folgt, gleicht einem Alptraum: „Du bist doch krank! Völlig plemplem!“

Das ist nicht einfach so – nur in der ersten Wut des Ehemannes – dahergesagt. Sämtliche männlichen Mitglieder ihrer Familie, versuchen, sie mit Gewalt dazu zu bringen, Fleisch zu essen und für ihren Ehemann zuzubereiten, als sie merken, dass Yong-Hye einfach bei ihrem Standpunkt bleibt: Der Ehemann vergewaltigt sie, der eigene – immer schon gewalttätige – Vater schlägt ihr brutal ins Gesicht und zwingt sie mit Brachialgewalt, Fleisch zu sich zu nehmen.

Sie nimmt immer stärker ab und wehrt sich vehement gegen die männlichen Übergriffe. Sie muss zudem noch ertragen, dass ihre Mutter und Schwester einfach zusehen, ihr nicht zu Hilfe kommen.

Für einen europäischen Leser ist diese männliche, völlig gefühlskalte Übergriffigkeit kaum nachvollziehbar. Doch scheint ihre Weigerung, Fleisch zuzubereiten und zu essen, ein Angriff auf die Männlichkeit der männlichen Familienmitglieder zu sei, die sich nur mit Gewalt dagegen zur Wehr setzen können, geduldet und damit unterstützt von ihren Frauen.

Als sich Yong-Hye mit einem Messer verteidigt und sich zudem selbst verletzt, wird sie in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Ihr Ehemann lässt sich von ihr scheiden.

Bis auf ihre Träume erfährt der Leser von Yong-Hye im ersten Teil „Die Vegetarierin“ nur aus der Perspektive ihres Mannes. Im zweiten Romankapitel „Der Mongolenfleck“ erlebt der Leser die Vegetarierin, die mittlerweile in einer eigenen Wohnung lebt, in der sie sich meist unbekleidet bewegt, durch die künstlerisch-männliche, sehr sexuell geprägte Perspektive des Schwagers.

Dieser hat eine lange künstlerische Durststrecke hinter sich, wird aber durch Yong-Hyes Mongolenfleck auf ihren Pobacken zu einem neuen Projekt animiert, in dem sie eine wichtige Rolle spielen soll. Sehr subtil – weil kaum zur Sprache gebracht – bekommt man als Leser mit, dass sich die Vegetarierin in diesem Projekt auf einer völlig anderen Erlebnisebene bewegt als ihr Schwager. Auch von ihm wird sie nicht wirklich gesehen und verstanden.

Am Ende dieses Kapitels werden beide von In-Hye, ihrer Schwester und seiner Ehefrau, in die Psychiatrie eingewiesen.

Im dritten Kapitel „Bäume in Flammen“ wechselt die Autorin noch einmal die Perspektive auf Yong-Hye, die noch immer in der Psychiatrie lebt und kurz vor der Zwangsernährung steht, da sie mittlerweile Nahrung völlig ablehnt und freiwillig nur noch Wasser in kleinen Schlucken zu sich nimmt. Es ist aus der Sicht der Schwester geschrieben, die die Vegetarierin regelmäßig in der Anstalt besucht.

Auch hier, einschließlich der Schwester, begegnet man ihr mit Unverständnis, Hilflosigkeit und Ohnmacht, was letztendlich wieder in Zwangsmaßnahmen mündet: Sie wird fixiert, man flößt ihr mit Gewalt Essen ein, sediert sie, damit sie das Eingeflößte nicht wieder erbricht.

„Du liegst in diesem Bett und bist dabei zu sterben. Nicht mehr und nicht weniger.“
„Ja und? Ist es denn verboten zu sterben?“

Selbstbestimmt leben? Oder: wenigstens selbstbestimmt sterben dürfen?

Yong-Hye und ihre Schwester haben sich nie aufgelehnt, ertrugen Misshandlungen schweigend. Sehr spät erkennt In-Hye, dass „die Ernsthaftigkeit, die sie, als Ältere, schon immer an den Tag gelegt hat, nicht mehr als Reife, sondern als Feigheit“ interpretiert werden muss. „Nur als eine andere Art des Selbstschutzes.“

Der Roman ist sprachlich schlicht, fast nüchtern erzählt und lässt so der Fantasie, der Erlebnisfähigkeit des Lesers weiten Spielraum.

Die Vegetarierin träumt davon, eine Pflanze, ein Baum zu werden, sie erlebt man folglich in ihren Träumen und in den wenigen Aussagen, aus denen man sich ein eigenes „Bild“ machen oder sich den eigenen Fragen überlassen kann.

Sehr lesenswert!

Han Kang, Die Vegetarierin, Roman, a.d. Koreanischen v. Ki-Hyang Lee, 190 S., ISBN 978-3-351-03653-9

Datum: 22. Oktober 2016
Themengebiet: Allgemein, Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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3 Kommentare

  1. Sonja | Samstag, 22. Oktober 2016 21:03
    1

    Eine intensive Buchbeschreibung. Von der ersten Kenntnis her wusste ich, dass dieses Buch unlesbar ist für mich. Es käme zuviel hoch, das gäbe unnötige flash backs und Alpträume.
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Samstag, 22. Oktober 2016 21:52
    2

    Ist m. E. auch ein intensives Buch trotz oder vielleicht gerade wegen der Unaufgeregtheit der Darstellung.

    Schade dass du es nicht lesen kannst, doch dann ist das so!
    Liebe Abendgrüße und eine Nacht ohne Alpträume.

  3. Christoph | Dienstag, 1. August 2017 9:39
    3

    Der Roman hat mich mit seiner simplen Sprache à la Murakami und der kafkaesken Handlung sofort in den Bann gezogen. Nur je weniger Fleisch die Hauptakteurin verspeist, desto schwächer wird das Buch. Zum Schluss hin musste ich mich fast zwingen, weil man letztendlich das Interesse verliert und so gut wie gar nix mehr passiert. Schade um die verpasste Möglichkeit, ein Meisterwerk liest sich definitiv anders.

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