Kateryna Babkina, Heute fahre ich nach Morgen

Der Titel ist Programm: Die ukrainische Schriftstellerin Babkina beschreibt in ihrem Roman die oft paradox anmutende Suche einer jungen Frau auf Antworten in ihrem Leben.

„Im Grunde lebte sie gern. Von April bis September wurde sie von der Sonne verwöhnt, die ein angenehmes Kitzeln unter der Haut erzeugte und ihr einen zarten, warmen Teint verlieh. … Auch von Oktober bis März wurde Sonjas Haut von der Sonne verwöhnt, nur, dass sie unter der Kleidung versteckt war, und auch das mochte Sonja gern.“

Von ihrem Freund verlassen, wird sie von einem Mann schwanger, den sie dann nie wieder sieht. Auf der Suche nach ihrem Vater reist sie – völlig unorthodox und scheinbar ohne konkrete Pläne – durch Europa, trifft die seltsamsten Gestalten, in deren Begleitung sie dann weiterreist.

Oft wird beim Lesen nicht so wirklich klar, ob sie gerade von ihren viele Träumen erzählt oder von ihrer Realität. Beides geht nahtlos ineinander über.

Babkina kann schreiben, wobei man sich an die Erzählweise erst gewöhnen muss. Detaillierte Beschreibungen von Sonjas Lebensumständen, ihrer Umgebung und den (Reise-) Gefährten stehen im Vordergrund.

„Sonja hatte kaum Geld. Sie hätte durchaus arbeiten können. Aber das Leben gefiel ihr so besser. Zweimal im Jahr putzte sie das schmale Küchenfenster und das große Fenster im winzig kleinen Wohnzimmer, das für ein aufstrebendes Leben projektiert sein musste. Denn die Decke war dreimal so hoch wie Sonja, und so ließen sich weder die dort sitzenden schwerfälligen, dunkelgeflügelten Schmetterlinge ausgiebig beobachten noch Glühbirnen tauschen.“

Babkina erzählt nicht in erster Linie eine Geschichte, sondern die Suche Sonjas nach einem sinnhaften Leben mit ihrem zukünftigen Kind. Eine Tatsache, die sie immer wieder verdrängt, einfach ausblendet, um dann um so heftiger davon zu träumen.

Kateryna Babkina, Heute fahre ich nach Morgen, Roman, a.d. Ukrainischen v. Claudia Dathe, Haymon Verlag, Insbruck-Wien 2016, 164 S., ISBN 978-3-7099-7227-4

Kommentar abgeben