Michael Krüger, Das Irrenhaus

„Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich mich mit Hingabe langweilen. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren alles Spekulative zur Langeweile gelesen … Aber es ist etwas anderes, sich theoretisch mit Langeweile zu beschäftigen, als sich ihr auszusetzen. Kann man sich zur Langeweile entschließen? Ein Leergelassensein von der Welt, das wollte ich erreichen. … Keine Arbeit, keine Verpflichtung, keine Verantwortung, das war mein Minimalprogramm.“

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Der Ich-Erzähler, ein ehemaliger Archivar, bezieht – inkognito – in seinem von einer ihm gänzlich unbekannten Tante geerbten Haus eine große, leer stehende Wohnung, in der der letzte Mieter, der Schriftsteller Georg Faust, nur ein paar wenige Möbelstücke zurückgelassen hat. Er lebt nunmehr von den Mieteinnahmen der sechzehn Parteien. Mit der Verwaltung des Hauses hat er nichts zu tun, das erledigt ein Hausmeister. Beste Voraussetzungen, um sich völlig von der Welt zurückzuziehen.

Doch er hat den Plan ohne die sonst noch im Haus lebenden Mieter gemacht! Schnell beschleicht ihn das „Gefühl, seine selbst gewählte Isolation nicht durchhalten zu können.“ Das Haus kommt ihm vor wie ein „Container für Extreme Unglückswelten“. Man lässt ihn einfach nicht in Ruhe. Der eine will ihm irgendwelche Derivate verkaufen, der andere ihn von seinen speziellen Bestattungsmodalitäten in Städten überzeugen und ihn zu Investitionen überreden, eine Nachbarin will ihn gar heiraten, weil sie sich ausgerechnet hat, welche Reisen man mit dem gesparten Geld unternehmen kann, da man nach der Heirat nur noch die Kosten für eine Wohnung aufzubringen hat.

„Warum lebten offenbar nur gemeine, banale, widerliche Missgeburten in meinem Haus, Menschen ohne Anstand, Wärme und Zurückhaltung?“

Seine Idee, Schriftsteller zu werden und sich eine eigene Welt zu schaffen, um dem „Irrenhaus“ zu entkommen, kann er ebenfalls nicht umsetzen. Er beschäftigt sich immer mehr mit Georg Faust und dessen Leben, da er die an ihn gerichteten Briefe öffnet und sich auf diese Weise in dessen Leben ziehen lässt und nach und nach zu Georg Faust wird – mit allen unangenehmen Konsequenzen. Denn der wird von einer Frau gestalkt, die behauptet, Faust habe ihre Texte als seine ausgegeben.

Es ist ein amüsant, ironisch geschriebenes Buch über einen Aussteiger, der versucht, sich neu zu erfinden, indem er sich der Langeweile des Lebens überlässt, ziemlich schnell aber merkt, dass die angestrebte Leere eine unglückliche ist, ihn in „abgrundtiefe Traurigkeit“ stürzt:

„Schon stellte sich diese Unbestimmtheit als illusionäre Falle heraus. Irgendein geheimer Zwang befahl mir, eine genauere Ordnung in meine Tage zu bringen, den Müßiggang zu drosseln oder ihm eine Bedeutung zu geben.“

Es also nicht so einfach, nichts tun, nichts denken, sich an nichts zu erinnern.

Jeder, der schon einmal versucht hat, in der Stille leer zu werden, weiß, wie laut es dann werden kann. Dieses Laute beschreibt Michael Krüger leise, bildhaft, unaufdringlich, gut nachvollziehbar, mit vielen Seitenhieben auf menschliche Lebensentwürfe, die durch die Mieter dieses „Irrenhauses“ und den sizilianischen Wirt einer nahe gelegenen Kneipe repräsentiert werden. Der Ich-Erzähler erkennt zum Schluss:„Es war die Zeit gekommen, mir eine eigene Geschichte auszudenken.“

Michael Krüger, Das Irrenhaus, Roman, Haymon Verlag, Insbruck-Wien 2016, 188 S., ISBN 978-3-7099-7252-6

Datum: 25. Oktober 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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