Der allerletzte Augenblick

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Im Krankenzimmer, wenn’s zu Ende geht,
Links in dem Eck ein schmaler Engel steht.
Er ist gesandt, will Angst die Seele quälen,
Zu helfen ihr, sich leichter loszuschälen.

Sein Auge strahlt und seine Stimme weht
Ins Ohr des Sterbenden, der sie versteht.
»Von allen Wesen«, spricht er, »die wir zählen,
Starb keins, das nicht gewollt. Auch du darfst wählen.«

Der Kranke langsam seine Lippen schleckt,
Zu prüfen, wie das Leben wirklich schmeckt.
Es schmeckt so angebrannt, so pickig-schal,
Unmöglich, es zu schlucken noch einmal.
Ja oder Nein? Der Engel fragend blickt.
Dann lächelt er. Der Kranke hat genickt.

(Franz Werfel)

Datum: 7. November 2016
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2 Kommentare

  1. Quer | Montag, 7. November 2016 19:26
    1

    Es ist schon so: Zuletzt wird man sich wohl ins Schicksal fügen und das Unweigerliche annehmen.
    Liebenswert, wie Franz Werfel den Dialog mit dem Engel schildert.
    Schön auch das fromme Steinkind mit dem süssen Kleidchen auf dem Grab.

    Lieben Abendgruss,
    Brigitte

  2. mona lisa | Montag, 7. November 2016 21:49
    2

    Mir scheint, als habe das „fromme Streinkind“ Engelflügel.
    Mir erscheint die „Wahlmöglichkeit“ so tröstlich.
    Fried-volle Gute Nacht-Grüße!

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