Henning Mankell, Die schwedischen Gummistiefel

„Die schwedischen Gummistiefel“ ist nun definitiv Henning Mankells letzter Roman und kann als Folgeband der 2006 erschienenen „Die italienischen Schuhe“ angesehen werden, setzt die Kenntnis dieses Romans aber nicht voraus.

Mankell_05795_MR2.indd

Fredrik Welin, ehemaliger Chirurg, lebt nun seit Jahren auf seiner Insel im Schärengarten. Sein Großvater mütterlicherseits war Teil dieser Schärengemeinschaft. Er selbst hat nur den allernötigsten Kontakt zu den anderen Bewohnern.

„Ich stamme von den Inseln hier draußen ab, gehöre aber trotzdem nicht dazu. Ich bin ein entlaufener Arzt, der sich hier auf seinem ererbten Schärenhof versteckt hat. Dass ich heilkundig bin, ist natürlich ein Vorteil. Aber ein richtiger Schärengartenbewohner werde ich nie sein.“

Er werkelt beständig an seinem alten Bauernhaus herum, hat gerade das Dach repariert. „In einer Herbstnacht vor fast einem Jahr brannte mein Haus nieder. Es war ein Sonntag.“ Er kann im letzten Moment aus dem Haus fliehen, nur mit dem, was er am Körper trägt. „Tatsächlich hatte sich während einiger nächtlicher Stunden mein Dasein so verändert, dass ich plötzlich alles brauchte. Ich besaß nicht einmal mehr ein zusammenpassendes Paar Gummistiefel.“ Schwedische Gummistiefel ist das erste, was er bestellt. Es müssen schwedische sein, er akzeptiert keine anderen und ist bereit, auch länger darauf zu warten.

„Es gab keine Erklärung. Es schien als hätte sich das Haus selbst angezündet.
Als könnte ein altes Haus vor Erschöpfung und Trübsinn Selbstmord begehen.“

Innerhalb weniger Stunden verändert sich sein komplettes Leben, in das er nur mühsam hineingefunden hatte. In den Trümmern seines Haues findet er einen verkohlten Schuhspanner seines italienischen Schuhmachers. Alles andere ist bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.

„Was wirst du jetzt tun?“ wird er gefragt und „antwortete nicht, weil ich keine Antwort hatte.“

Seine Tochter kommt auf die Insel, um ihm beizustehen, ist ihm in ihrer Art aber eher Last als Hilfe, denn wirklich vertraut sind die beiden nicht miteinander, kennen sie sich ja noch nicht wirklich lange und leben jeder sein eigenes Leben.

Polizei und Brandschutzversicherung beginnen mit ihren Ermittlungen und sind sich nach einiger Zeit sicher: Der Brand wurde gelegt. Welin gerät in Verdacht, sein eigenes Haus angezündet zu haben, was er stets und allen gegenüber vehement bestreitet.

Als er dann seiner schwangeren Tochter in Paris zu Hilfe eilt, brennt ein zweites Haus auf den schwedischen Schären. Es liegt nahe, dass es einen Serientäter gibt. Nur wem ist ein solches Verhalten zuzutrauen? Misstrauen breitet sich aus. Man beäugt sich noch stärker als vorher.

Am Ende ist klar, dass Welin sein Haus wieder aufbauen kann. In die Fundamente will er den verkohlten Schuhspanner einbetonieren. Bis es soweit ist, hat er viele Hindernisse zu überwinden, die ihn immer wieder vor die Frage stellen: Lohnt sich das in seinem Alter noch oder ist es dafür nicht schon zu spät? Vor allem für eine Beziehung zu einer erheblich jüngeren Frau?

„Dabei liebte ich nicht sie, sondern hatte ein heftiges Verlangen nach einer Frau, egal welcher, und ich war bereit, was auch immer zu sagen, um sie zu überreden.“ Es wirkt manchmal seltsam unerwachsen, wie er versucht aus seiner Einsamkeit heraus, Kontakt zu dieser Frau aufzunehmen, einer Journalistin, die über den Brand seines Hauses schreiben soll.

Es ist in jeder Hinsicht ein Altersroman, der auf unterhaltsame Art Themen wie Einsamkeit, zunehmende Gebrechlichkeit und die Angst vor Tod und Sterben anspricht und dies am Leben der Schärenbewohner deutlich macht, insgesamt skurrile, meist auf sich allein gestellte Persönlichkeiten.

Wer Mankells stille, unaufgeregte Art zu schreiben mag, der wird diesen Roman sehr gern lesen und ihn unterhaltsam finden.

Henning Mankell, Die schwedischen Stiefel, Roman, a.d.Schwedischen v. Verena Reichel, Paul Zsolny Verlag, Wien 2016, 475 S. ISBN 978-3-552-05795-1

Datum: 28. November 2016
Themengebiet: Allgemein, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

5 Kommentare

  1. seelenruhig | Dienstag, 29. November 2016 6:54
    1

    Schwermütiger Held… ich las immer gerne Mankell – wenngleich ich die Krimis zum Teil schon arg grausig finde…
    Ich werde ihn mir merken, den letzten von ihm. Danke!

  2. Quer | Dienstag, 29. November 2016 7:08
    2

    Das hört sich gut an. „Die italienischen Schuhe“ habe ich sehr gerne gelesen. Und dieses werde ich sicher auch bald in lesenden Betracht ziehen…
    Danke für den Schubs.
    Und lieben Morgengruss, Mona Lisa.
    Brigitte

  3. mona lisa | Dienstag, 29. November 2016 8:41
    3

    @seelenruhig, ich mochte seine Bücher sehr , bei den Krimis musst ich immer schauen, ob nicht Stapel von zu korrigierenden Heften auf dem Schreibtisch lagen, denn die Krimis konnte ich kaum mehr aus der Hand legen ,)
    Herzliche Grüße

  4. mona lisa | Dienstag, 29. November 2016 8:42
    4

    @ Quer, dann wird dir dieser letzte Roman sicher auf gefallen.
    Frostsonnengrüße aus dem Ruhrgebiet

  5. 5

    […] (Aus dem Rolandslied, gefunden in Henning Mankell, Die schwedischen Gummistiefel) […]

Kommentar abgeben