Überflüssig

img_3280

Nehmt mir den Stein von meinem Grabe;
für mich gibt’s keinen Leichenstein!
Ich, der ich nun verklärt mich habe,
will doch für euch kein Toter sein!

Warum das Weinen und das Klagen,
wozu der Gram, das Herzeleid?
Was ihr von mir hinausgetragen,
war nur das abgelegte Kleid.

Ich bin im Geist bei euch geblieben,
für den es keine Trennung gibt,
und werde euch auch ferner lieben,
so, wie ich euch bisher geliebt.

Zwar könnt ihr mich jetzt nicht mehr sehen,
obgleich ihr mir noch sichtbar seid,
doch ist ja weiter nichts geschehen,
als: ich bekam ein andres Kleid.

Und dieses Kleid; ich soll es tragen
zu meinem Heil, zu meinem Glück.
Das alte – tröstend will ich’s sagen –
ich wünsche es mir nicht zurück.

Doch, wenn ihr weint, dürft ihr nicht wähnen,
ich könne mich euch selig nahn;
es tut mir jede eurer Tränen
noch weher, als sie euch getan.

Laßt sie fortan nicht weiter fließen,
so lieb ihr es auch mit mir meint;
sie auf den Hügel auszugießen,
dazu sind sie doch nicht geweint.

Drum, nehmt den Stein von meinem Grabe,
da ihr nun wißt, ich lebe noch!
Wenn ich euch auch verlassen habe,
so bleibt euch meine Seele doch.

(Karl May)

Datum: 2. November 2016
Themengebiet: Fotos, Gedichte Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

4 Kommentare

  1. Ingeborg | Mittwoch, 2. November 2016 11:18
    1

    Danke dir für diese gedicht, ich kan die woorden nicht finden in eure sprache.

    Ganz liebe grüsse aus die Niederlande,
    Ingeborg.

  2. mona lisa | Mittwoch, 2. November 2016 12:02
    2

    Gerne Ingeborg, danke auch für diese Rückmeldung. Ich melde mich in den nächsten Tagen auch wieder per Mail bei dir!
    Herzliche Grüße

  3. Quer | Mittwoch, 2. November 2016 19:21
    3

    Ich finde die Steine trotzdem schön.
    Sie sind ja für die Lebenden gemacht und können Halt und Stabilität vermitteln, wenn einem sonst der Boden unter den Füssen zu schwinden droht…
    Und warum soll man nicht weinen dürfen?
    Das hilft doch auch.

    Mit nachdenklichen Abendgrüssen,
    Brigitte

  4. mona lisa | Donnerstag, 3. November 2016 8:46
    4

    Alles hat seine Zeit, auch das Weinen.
    Ich denke, das Gedicht verweist darauf, dass Trauer mit seinen Symbolen im Außen auch das Verhältnis zu den toten eintrüben kann.
    Herzliche MOrgengrüße

Kommentar abgeben