Volker Kutscher, Lunapark

„Lunapark“ ist der Folgeband von „Märzgefallene“, der vor zwei Jahren erschienen ist. Mittlerweile, d.h. 1934, ist Hitler an der Macht. Viel hat sich geändert. Dennoch begegnen dem Leser viele alte Bekannte, teilweise aber in anderen Institutionen und Positionen.

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Gereon Rath ist nach wie vor Kommissar bei der Kriminalpolizei. Er trifft bei seinen Ermittlungen nach der Ermordung eines SA-Mannes auf seinen früheren Kollegen Reinhold Gräf, der nun für die Gestapo arbeitet. Gräf will und muss unbedingt nachweisen, dass der Mord politisch motiviert ist und es Kommunisten gewesen sind. Diese Annahme ist für ihn leitend und verhindert, dass er unvoreingenommen ermittelt.

Rath dagegen ermittelt auch in andere Richtungen und geht, spätestens nach der Ermordung des 2. SA-Mannes davon aus, dass es Verbindungen zum inzwischen verbotenen Ringverein der Nordpiraten gibt. Rath und Gräf geraten immer häufiger in konfliktreiche Situationen, die für Gereon Rath zunehmend verwickelter werden, zumal er auch seinem alten Bekannten Marlow einen „Gefallen“ tun soll. Er soll einen Mord an jemandem verüben, den Rath bei seinen Ermittlungen im Visir hat, mache er dies nicht, wisse man wo er und seine Frau Charly mit dem Pflegekind wohne.

„Den würde er sowieso in Notwehr erschießen müssen. Das war das Schöne am neuen Deutschland: Da würde ihn niemand mehr, und schon gar nicht die Presse, als Todesschützen verurteilen. Nicht, wenn er einen gesuchten Berufsverbrecher außer Gefecht setzte, Und vielleicht ein paar aufmüpfige Kommunisten.“ Wird Gereron Rat den Mordauftrag erfüllen?

Charly, Raths Frau will wieder arbeiten und ihr Referendariat als Juristin fortführen. Dazu braucht sie -als verheiratete Frau – Gereons Einverständnis. Sie verlangt von ihm, zu seinem Versprechen zu stehen, sie wieder arbeiten gehen zu lassen, da dies ihre Bedingung für die Hochzeit gewesen ist.

Die Eröffnungsfeier der Kanzlei, in der sie arbeiten will, gerät zu einem Desaster, da alle Teilnehmer der Feier von der SA abtransportiert und ohne Angabe von Gründen inhaftiert werden. Fragen nach der Grundlage und Rechtmäßigkeit dieser Aktion durch die anwesenden Rechtsanwälte werden mit Fausthieben „beantwortet“. Die Willkür und Rechtlosigkeit der Aktion ist nicht zu übersehen. Charly ist darüber genauso entsetzt und wütend wie über den Wunsch ihres Pflegekindes, in die Hitlerjugend eintreten zu wollen. Sie will ihm das verbieten. Gereon dagegen ist der Meinung, es sei gut für den Jungen, der sonst bei Gleichaltrigen keine Anerkennung bekomme. Auch im privaten Bereich sind die Konflikte sind vorprogrammiert.

Die Verquickung der einzelnen Handlungsstränge lassen den Roman vielschichtig und spannend, teilweise aber auch etwas langatmig werden. Diese Tendenz ist mir schon bei Kutschers letztem Roman „Märzgefallene“ aufgefallen. Eine knappere Darstellungen einzelner Aspekten – etwa der Maßnahmen, die Gereon ergreifen muss, nachdem ihm alle vier Räder seines Autos aufgeschlitzt worden sind oder die Beschreibung seiner Kopfverletzungen und deren Behandlung – m.E. wären wünschenswert.

Dennoch insgesamt: ein auf jeden Fall lesenswerter Kriminalroman, der wie alle vorherigen auch Darstellung deutscher Geschichte ist. Es gibt auch Indizien, die nahelegen, dass es einen weiteren Fall Gereon Raths geben wird. Auf den müssen Kutscher Fans dann sicher wieder zwei Jahre müssen. Aber wie heißt es: Gut Ding will Weile haben.

Volker Kutscher, Lunapark, Gereon Raths sechster Fall, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016, 557 S., ISBN 978-3-462-04923-7

Datum: 20. November 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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