Frank Goldammer, Der Angstmann

Max Heller ist Kriminalinspektor in Dresden, aber nicht in der NSDAP wie die meisten um 1944. Eine gefährliche Tatsache, die ihn in jeder Hinsicht angreifbar macht. Frei redet er nur zu Hause mit seiner Frau Karin. „Man durfte niemandem mehr Vertrauen schenken, nicht den Freunden, nicht den Nachbarn, nicht den Kollegen.“

Sein Vorgesetzter ist SS-Obersturmbannführer Klepp, der noch nie Polizist gewesen ist, sondern vor seiner SS-Laufbahn Fleischer gelernt hat. Er will bereits einen Tag nach Auffinden einer weiblichen, arg zugerichteten Leiche in einem Bootshaus von Heller den Abschlussbericht auf seinem Schreibtisch haben, weil er davon überzeugt ist, dass der Mörder nur ein Durchreisender gewesen sein kann. Die beiden Jungen, die die Leiche gefunden haben, fragen ihn dagegen, ob es der Angstmann gewesen sei, einen Ausdruck den Heller bis dahin noch nicht gehört hat.

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Heller ist von der Arbeitshypothese seines Vorgesetzten nicht überzeugt. Zu viele Auffälligkeiten am Tatort sprechen dagegen. Er will die Leiche daher obduzieren lassen. Ein schwieriges Unterfangen, da der Gerichtsmediziner vor einer Woche den Marschbefehl erhalten hat und daher nicht mehr zur Verfügung steht. Doktor Schorrer, Leiter eines Krankenhauses, ist Pathologe und inspiziert die Leiche.

„Ich fürchte, die junge Frau hat ein arges Martyrium hinter sich bringen müssen, ehe sie der Herr gnädig zu sich nahm. Keine ihrer Wunden scheint tödlich gewesen zu sein. Das Herz ist unversehrt. Es gibt einen Lungenstich, doch dies hat meinst nur zur Folge, dass der betroffene Lungenflügel sich mit Blut füllt. Ein sehr langsamer Erstickungstod ist die Folge. Oft genug erlebt an der Front.“

Dann verlässt er den Raum. Heller sieht sich die Leiche genauer an und stellt fest, dass die Zunge fehlt und feine, weiße Fasern in der Nase stecken. Darauf hat ihn der Pathologe nicht hingewiesen. Nun ist Heller nicht mehr davon abzubringen, den Mörder zu finden, auch wenn ihm zwischendurch durch den Kopf geht: „Tausend Tote. Und er sorgte sich um einen Mörder.“

Immer häufiger wird er in seiner Arbeit von Klepp und seinen Männern gehindert, gerät in äußerst gefährliche Situationen und hat „das unweigerliche Gefühl, jemand manipulierte den Fall und zwar jemand der über ihm stand. … Es war eindeutig, Klepp wollte keine Zweifel.“

Vorübergehend wird er sogar vom Fall abgezogen, bis erneut eine weibliche Leiche gefunden wird, noch schlimmer zugerichtet. Und es soll nicht die letzte bleiben. Selbst nach der Bombardierung Dresdens und der Machtübernahme der Russen geht das Morden weiter. Es muss derselbe Täter sein, den Heller nun mithilfe der Russen finden will.

Frank Goldammer, selbst Dresdener, ist ein spannender, komplexer, sehr lesenswerter Kriminalroman über den „Angstmann“ gelungen, mit überraschendem Ende. Gleichzeitig verdeutlicht er die Wirren und Auswirkungen des Krieges und der Nazischergen nicht nur auf Hellers Arbeit, sondern fängt auch die Schwierigkeiten der Bevölkerung, ihre Ängste und Sorgen ein, die sie in diesen Zeiten erleben muss, in den meisten Familien überschattet vom Tod männlicher Familienmitglieder oder deren Vermisstsein. So haben auch Max Heller und seine Frau Karin von ihren beiden Jungen schon monatelang nichts mehr gehört. Ein Krimi mit zeitgeschichtlichem Hintergrund des düstersten Kapitels deutscher Geschichte, in der Einzelne nicht mehr zählte und Leute wie Klepp alles zuzutrauen ist. „Sie waren Mörder. Sie durften nur deshalb nicht so genannt werden, weil sie Volksverräter und Feinde umbrachten.“

Frank Goldammer, Der Angstmann, Kriminalroman, München 2016, 334 S., ISBN 978-3-423-26120-3

Datum: 27. Dezember 2016
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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