Matt Haig, Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben

„Es gibt keine richtige oder falsche Art, Depressionen zu haben, oder Panikattacken, oder Selbstmordgedanken. Diese Dinge sind, wie sie sind. Leid ist – wie Yoga – kein Leistungssport. Doch ich habe über die Jahre herausgefunden, dass es mich tröstet, von anderen Menschen zu lesen, die Verzweiflung erlitten, überlebt und überwunden haben. Es hat mir Hoffnung gegeben. Und ich hoffe, dieses Buch kann das Gleiche bewirken.“

9783423280716

Ja, ich denke, dass dieses Buch Hoffnung vermitteln kann, mit Lebensphasen der Hoffnungslosigkeit zu leben, sie zu akzeptieren und dann auch nach Wegen zu suchen, sie zu überwinden. In fünf Kapiteln

1. Fallen
2. Landen
3. Aufstehen
4. Leben
5. Sein

beschreibt matt Haig – aus der sicheren Entfernung von vierzehn Jahren, beginnend am Tiefpunkt seines Lebens – seinen Weg aus seiner Depression heraus bzw. mit seiner Depression gut zu leben. So vermittelt er Einblicke in seine Gedanken und Phantasien:

„Ich wollte tot sein. Nein. Das stimmt nicht ganz. Ich wollte nicht tot sein, ich wollte nur nicht am Leben sein. … Der klassische Wunsch. Nie geboren worden zu sein.“,

seine Ängste:

„Der Dämon saß neben mir auf der Rückbank. Er war echt und unwirklich zugleich. Nicht direkt eine Halluzination, und nicht so plakativ wie ein Rummelplatzgeist. Er war da und nicht da. Da, wenn ich die Augen schloss. Und auch da, wenn ich sie wieder öffnete, weil ein flimmernder, in die Wirklichkeit übertragender Gedankenabdruck, etwas, das ich weniger sah als imaginierte.“

und die konkrete Angst davor, verrückt zu werden:

„… heute denke ich, manche dieser Dinge waren nur da, weil ich mich so davor fürchtete, verrückt zu werden. Und es ist vermutlich ein Symptom des Verrücktseins, dass man Dinge sieht, die nicht da sind.“

Haig bleibt aber nicht bei der Beschreibung der physischen und psychischen Symptome seiner Depressionen stehen, sondern lässt den Leser – in Dialogen mit sich selbst, seinem damaligen und heutigen Ich – daran teilhaben, wie er sich in winzigen Schritten, aus seiner Depression herausgearbeitet hat, vor allem, wie er gelernt hat, darauf zu achten, was und wer ihm gut tut und was und wer nicht: Es war vor allem die Liebe von Menschen, allen voran die Liebe seiner damaligen Freundin und heutigen Frau, die ihn aus dem Schmerz der isolierenden Erfahrung herausgeholfen hat:

„Vielleicht ist Liebe einfach nur das Glück, den Menschen zu finden, mit dem man sein buckliges Selbst sein kann.“

Er entwickelt mit der Zeit, durch seine Erfahrungen mit der Depression, seine „Waffen für einen Krieg, der abflaut, aber immer wieder aufflackern kann. Schreiben, Lesen, Reden, Reisen, Yoga, Meditation und Laufen.“ Seine Lektion des Lebens lautet:

Der Ausweg liegt nur in dir selbst.

Haig ist – mit oder aufgrund dieses zeitlichen Abstandes – für sich sogar in der Lage, den Nutzen seiner Depression für sein Leben zu erkennen:

„Selbst wenn wir die Depression nicht ganz überwinden, können wir lernen, das zu nutzen, was der Dichter Byron die „furchtbare Gabe“ nennt. … Ich zu Beispiel stelle fest, das das düstere Bewusstsein meiner Sterblichkeit mich dazu bringt, das Leben umso entschlossener zu genießen, wo es genossen werden kann. Ich schätze umso mehr die kostbaren Augenblicke mit meinen Kindern und mit der Frau, die ich liebe. Die schlechten Zeiten mögen intensiver sein, aber die guten sind es auch.“

Haig erzählt – sprachlich interessant, in verschiedenen Darstellungsformen – wie er es geschafft hat, die „Entfremdung von der Welt durch die Depression“, zu überwinden und „es schafft, der Welt wieder mit Liebe zu begegnen.“

„Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben“ ist ein interessant geschriebenes, gut zu lesendes Buch zu einem ernsten Thema, dem des „Schwarzen Hundes“. Geeignet für all diejenigen, die durch Krisen in ihrem Leben im Tal der Hoffnungslosigkeit stecken und nach Auswegen suchen. Ein Buch also nicht nur für Menschen, die an einer Depression leiden.

Matt Haig, Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben, deutsch v. Sophie Zeitz, dtv Verlagsgesellschaft München 2016, 303 S., ISBN 978-3-423-28071-6

Datum: 17. Dezember 2016
Themengebiet: Allgemein, Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

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