Vor Weihnachten 1914 (1)

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Da kommst du nun, du altes zahmes Fest,
und willst, an mein einstiges Herz gepreßt,
getröstet sein. Ich soll dir sagen: du
bist immer noch die Seligkeit von einst
und ich bin wieder dunkles Kleid und tu
die stillen Augen auf, in die du scheinst.
Gewiß, gewiß. Doch damals, da ichs war,
und du mich schön erschrecktest, wenn die Türen
aufsprangen – und dein wunderbar
nicht länger zu verhaltendes Verführen
sich stürzte über mich wie die Gefahr
reißender Freuden: damals selbst, empfand
ich damals dich? Um jeden Gegenstand
nach dem ich griff, war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an; mein Mißverstehn; mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar
und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Un-Eigentum . . . . .

(Rainer Maria Rilke)

Datum: 24. Dezember 2016
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4 Kommentare

  1. Quer | Samstag, 24. Dezember 2016 10:24
    1

    Ach, ja: So kann nur Rilke die innersten Gefühle beschreiben!
    Frohe Weihnachten, liebe Mona Lisa.
    Viel Licht, Wärme und Wohlklang möge es dir bescheren!
    Herzlichen Gruss,
    Brigitte

  2. Nordic | Samstag, 24. Dezember 2016 12:58
    2

    Ich glaub, ich könnte Rilkefan werden.

  3. mona lisa | Sonntag, 25. Dezember 2016 13:44
    3

    @ Quer, vielen lieben Dank und ebenfalls frohe Weihnachten in die Schweiz!

  4. mona lisa | Sonntag, 25. Dezember 2016 13:45
    4

    @ Nordic, ich bin’s schon. Die 3. Strophe ist am 25.12. zu lesen ;)

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