Die Liebende

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Das ist mein Fenster. Eben
bin ich so sanft erwacht.
Ich dachte, ich würde schweben.
Bis wohin reicht mein Leben,
und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles
wäre noch Ich ringsum;
durchsichtig wie eines Kristalles
Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne
fassen in mir; so groß
scheint mir mein Herz; so gerne
ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,
vielleicht zu halten begann.
Fremd, wie niebeschrieben
sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese
Unendlichkeit gelegt,
duftend wie eine Wiese,
hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,
daß einer den Ruf vernimmt,
und zum Untergange
in einem Andern bestimmt.

(Rainer Maria Rilke)

Datum: 12. Januar 2017
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4 Kommentare

  1. Quer | Donnerstag, 12. Januar 2017 19:23
    1

    Ja, so sind sie, die Liebenden, immer leicht schwebend – und bei Rilke wunderbar aufgehoben.

    Herzlichen Gruss in den Abend,
    Brigitte

  2. mona lisa | Freitag, 13. Januar 2017 15:54
    2

    Schwebend aufgehoben sein – das ist doch fast das Paradies -oder?
    Herzliche Grüße – garniert mit Sonnenschein :)

  3. FrauWind | Sonntag, 19. Februar 2017 13:44
    3

    https://www.youtube.com/watch?v=tqdGdau2IMY

    so schöne Verbindung von Wort und Bild

  4. mona lisa | Sonntag, 19. Februar 2017 22:48
    4

    Ganz lieben Dank, werde es mir in aller Gemütsruhe anhören und es wirken lassen.

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