Fabian Hischmann, Das Umgehen der Orte

„Mayday! Can anyone hear me? This is Nick Cave, captain of the Henry Lee. I’ve lost orientation … Can anyone hear me …“
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Dieser Schlusssatz des zweiten Romans des 1983 geborenen Autors Fabian Hischmann ist bezeichnend für die meisten der hier im Roman zahlreich vorkommenden, meist noch jugendlichen Personen. Von ihnen wird in auf den ersten Blick unzusammenhängenden Episoden erzählt, wobei es oft nur Blitzlichter sind, die einen nur einen Moment lang etwas sehen lassen, das man aber nicht wirklich als zusammenhängend erkennen und verstehen kann. Ausdruck einer suche nach Orientierung?

Immer wieder tauchen neue Personen auf, manchmal auch nur in den Erinnerungen schon eingeführter Figuren – die Skizze einer Personenkonstellation zu erstellen – würde einen glatt überfordern. Und dennoch gibt es einige, die – fast leitmotivisch – die Episoden irgendwie zusammenhalten, allerdings in anderen Zusammenhängen, an anderen Orten, mit anderen Personen vorkommen. Und alle sind sie immer noch oder schon wieder auf der Suche. Wonach?

Nach sich selbst, einem Job, nach Liebe, Dazugehörigkeit oder einfach nach Zukunft!

So wie Anne, die zu Beginn mit der fetten, nie frierenden Lisa, dem „Eskimomädchen“, befreundet ist. Lisa hat nach dem Selbstmord ihres Vaters so stark zugenommen, dass sie mit siebzehn Jahren über 100 Kilo wiegt und ihre Mutter mit dem Stricken von Pullovern für sie gar nicht mehr nachkommen kann. Doch Anne meint bloß:

„Fett ist das falsche Wort. Du bist halt mehr als andere.“

Sie treffen sich dann aber nicht mehr, nachdem Anne mit Magnus befreundet ist. 2019, nach einer Fehlgeburt, erinnert sich Anne an Lisa, die mittlerweile mit ihrer Frau in Island wohnt, und besucht sie. Sie reden über die Zwischenzeit, über die Menschen, die sie vermissen. Einige Verwandte, aber auch Gleichaltrige sind bereits verstorben, u.a. durch Selbstmord, Unfälle, Krankheiten etc.

“ ‚Heute bin ich froh, dass ich ihn vermissen kann.‘
Anne vermisst Thomas, obwohl sie ihn nie richtig kannte. Wahrscheinlich vermisst sie vor allem die Möglichkeit einer Zukunft. Einer Zukunft, in der Thomas der Mensch ist, der sie am besten kennt und sie vermisst, wenn sie nicht da ist.“

Und da ist sie wieder, die Sehnsucht nach Zusammenhang, Zugehörigkeit, Geborgenheit, nach Verstanden und Angenommen werden, die die meisten nicht erfahren haben, in mehr oder weniger kaputten Elternhäusern, desolaten Zuständen und diversen Formen von Vernachlässigungen.

Hannes, Kunststudent, wird von seinem Professor nach Vorlage seines Abschlussfilmes gefragt:

„Noch ein Film über das Erwachsenwerden, willst du das wirklich? Braucht das jemand? Immer wieder?“
Da stellt sich doch gleich die Frage: Braucht man noch ein weiteres Buch übers Erwachsenwerden? Doch ist „brauchen“ die adäquate Beurteilungskategorie?

Hischmann erzählt von Jugendlichen, wahrscheinlich auch für Jugendliche. Das legt der Gebrauch vulgärsprachlicher Ausdrücke, entsprechenden Jugendjargons und englischsprachiger Passagen nahe. Und die mögen auch entscheiden, ob sie sich mit diesem Roman angesprochen und verstanden fühlen.
Er ist jedenfalls nicht geeignet für Menschen, die eher linear erzählte Geschichten mit mehr oder weniger durchgängiger Handlung favorisieren.

Fabian Hischmann, Das Umgehen der Orte, Roman, Berlin Verlag 2016, 205 S., ISBN 978-3-8270-1292-0

Datum: 13. Januar 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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