Katja Lange-Müller, Drehtür

„Asta denkt – und schweigt. Mit wem, fragt sie sich, sollte ich reden? Ich kenne doch keinen mehr, hier, am Boden meines Vaterlandes, das nicht meines ist, weil es mir ebenso wenig gehört wie die Muttersprache; ich steh bloß drauf.

Ja, da steht sie, am östlichen Ende der Ebene 03 des Flughafens Franz Josef Strauß, neben einer vom Schalter einer Autovermietung verdeckten und daher kaum frequentierten Drehtür, zu der ihre Nikotingier sie blindlings geleitet hat.“

Und von dieser Drehtür kommt Asta Arnold, Krankenschwester, quasi entlassen und zwangspensioniert, auch nicht mehr weg. Lange war sie in Nicaragua tätig, bis man ihr mit einem One-Way-Ticket einen schönen „Aus-Flug“ gewünscht hat. Zu viele Fehler sind ihr bei ihrer Arbeit unterlaufen, zu oft ist ihr „Wichtiges, sogar Lebenswichtiges“ entfallen.

Zwischen drinnen und draußen, also zwischen Nichtraucher- und Raucherbereich, wechselt sie – Menschen beobachtend – hin und her, nicht wissend, was sie tun, an wen sie sich wenden, wohin sie fahren soll. Schwankend zwischen zynischem Selbstmitleid und dem Gefühl, frei zu sein.

„Doch wo und wie die olle Asta Arnold als Rentnerin zu leben gedenkt, das entzieht sich ihrem Einfluss. – Ich bin frei, frei wie ein Vogel ohne Flügel, ein Blechvogel, aber einer, zu dem es keinen Schlüssel mehr gibt, den niemand mehr aufziehen und über die Dielen hüpfen lassen kann.“

Die Menschen, die sie sieht und beobachtet, sind Anlass für sie, sich assoziativ und episodenhaft an Menschen und Tiere in ihrer Vergangenheit zu erinnern: an Kollegen und -kolleginnen, Männer, teils Liebhaber oder solche, die sie gern als Geliebte gehabt hätte, an Reisen, die sie unternommen hat, allein oder mit anderen. Und erinnernd lässt sie ihr Leben Revue passieren, zieht Lebensbilanz.

Verbindendes Element ist Asta als Protagonistin und das Thema „Helfen“, das in allen zahlreichen Aspekten, als Tier- Menschen-, Nächstenliebe, facettenreich in seiner Widersprüchlichkeit zur Sprache kommt. Ist Helfen angeborener Reflex oder Droge, von der man nicht mehr loskommt?

„Ach ja, helfen, denkt Asta, das war schon schön – am Anfang. Und später? Später, Jahre später nannte einer meiner Schwesternschülerinnen es geil. Ds Wort behagte mir nicht, obwohl es irgendwie zutrifft; helfen ist geil und macht geil: machtgeil. Zu helfen weckt ein seltsames Verlagen in dir, aber eines, das gestillt werden kann, so betörend, das du es wieder tun willst und wieder und immer wieder.“

Doch Asta will sich nicht mehr totschuften. „Ja, die Kollegen in Managua sehen das ganz richtig: ich habe genug geholfen. Nur wohin ich nun soll oder will, das weiß ich nicht. Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, keine Perspektive …“ Ihr Koffer ist irgendwo hängen geblieben, was Asta zu der Frage verleitet, was wohl von einem Menschen bleibt, wenn der sich längst aufgelöst hat.

„Ein mickriges Sparbuch, ein Sofa, ein Schrank – oder wie bei mir, nur ein Koffer voll gebrauchter Klamotten, eine speckige Umhängetasche, ein paar Fotos, die man seltsamerweise auch Bilder nennen kann.“

Die Nähe des Todes ist stets spürbar, auch in der Sprache. „Friedhofsblümchen“ nennt Asta die Altersflecken auf ihrer Hand, und weiß, dass sie das Totsein, das ihr ja auch „demnächst mal blüht“, dem Kranksein vorziehen wird.

„Tot ist besser als krank, zumindest für den der krank war.“ Und dann ist da ihr anhaltendes Unwohlsein, das zunehmend stärker wird und sie zum Schluss zwingt die Toilette des Flughafens aufzusuchen.

Lange-Müllers Roman erzählt Astas Leben zum einen in monologhaften Erinnerungen, in denen Asta in der 1. Person Singular spricht, aber auch aus der Perspektive eines anonymen, eher distanzierten Erzählers. Und dann ist da noch eine innere Stimme, „die seit etw drei Wochen bei ihr ist und manchmal auch in ihr. … Die Stimm lenkt Astas Blicke, öffnet ihr die Ohren, verbietet ihr den Mund.“ Asta redet nicht mehr. Leben findet nur noch erinnernd in ihrem Kopf statt.

Es ist ein vielschichtiges Buch, das sorgfältig gelesen werden will, möchte man neben der Lebensgeschichte Astas und die in ihr eingewebten Themen, die vielen Andeutungen mitbekommen und die zahlreichen Wortspiele genießen, u.a. die mit Teekesselchen-Wörtern, also Wörter mit Doppelbedeutungen. Wenn da von „Blitzgewittern“ die Rede ist, ist in der Regel nicht nur von Gewittern während eines Fluges die Rede, sondern wahrscheinlich auch Andeutung einer Krankheit, die Asta zunehmend stärker zusetzt.

Katja Lange-Müller, Drehtür, Roman, Kiepenheuer&Witsch Verlag, Köln 3. Aufl. 2016, 216 S., ISBN978-3-462-04934-3

Datum: 17. Januar 2017
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3 Kommentare

  1. Sonja | Dienstag, 17. Januar 2017 21:09
    1

    Deine Besprechung habe ich gern gelesen, weil ich mir das Buch auch anschauen will, ob ich es ganz lese, weiß ich noch immer nicht! Nichtsdestotrotz ist die Rezension klasse!

  2. mona lisa | Mittwoch, 18. Januar 2017 7:49
    2

    Wovon machst du das abhängig , Sonja?

  3. Sonja | Mittwoch, 18. Januar 2017 14:07
    3

    …ob ich es in meiner Stammbib ausleihen kann…

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