Natsume Sōseki, Kokoro

Der 1914 zum ersten Mal erschienene Roman „Kokoro“ von Natsume Sōseki liegt nun in einer Neuauflage im Manesse-Verlag in der Reihe Bibliothek der Weltliteratur vor. Zartes Papier mit Lesebändchen im leserfreundlichen Kleinformat, passt er in nahezu jede Tasche, so dass man den Roman stets dabei haben und bei jeder Gelegenheit lesen kann. Und das ist gut so, denn man mag „Kokoro“ kaum aus der Hand legen. Er ist spannend, obgleich arm an äußerer Handlung, denn letztendlich geht es um „Seelenlandschaften“.

Kokoro von Soseki Natsume

Der Ich-Erzähler, zu Beginn der Handlung ein junger Student, trifft an einem Strand einen Mann, in dem er sofort seinen Lehrer, seinen Sensai sieht. Und so nennt er ihn auch stets. Sein eigentlicher Name bleibt ungenannt. Er sucht die Nähe dieses Mannes, der jedoch durchgängig distanziert ihm gegenüber auftritt und sich auch in Gesprächen so verhält. Dennoch lädt er ihn zu sich ein und duldet die Anwesenheit des jungen Mannes in seinem Hause, in dem er mit seiner schönen Frau sehr zurückgezogen lebt. Die beiden Männer unternehmen gemeinsame Spaziergänge, auf denen sie sich über „Gott und die Welt“ unterhalten.

„Eine Unterhaltung mit ihm brachte mich viel weiter als die Vorlesungen an der Universität. Ich fand seine Ideen reicher und origineller als die meiner Professoren. Er, der einsam dahinlebend nur wenige Worte verlor, schien mir bedeutender als all die bekannten Gelehrten, die versuchten, mich vom Katheder herab zu formen.“

Natürlich sprechen sie auch über die Liebe.

„Die Liebe ist ein Verbrechen! Glauben sie mir! Und sie ist auch etwas Heiliges!“

Der junge Mann will nun Genaueres wissen, stößt jedoch auf eine Mauer, die er nicht durchbrechen kann, merkt aber, dass das Thema den Sensai innerlich über die Maßen beschäftigt. Doch dieser bleibt bei Andeutungen, die allerdings erkennen lassen, dass er mit Menschen schlechte Erfahrungen gemacht hat, ihnen nicht mehr vertraut, obschon da die Sehnsucht ist, noch einmal im Leben einem Menschen wirklich vertrauen zu können. Merkwürdig ist nur, dass auch seine Frau nicht die Person seines Vertrauens ist, obschon die beiden ein gutes Verhältnis zueinander zu haben scheinen.

„Durch mancherlei Erfahrungen veranlasst, misstraue ich den Menschen, und darum zweifle ich, offen gestanden, auch an Ihnen. Und doch möchte ich das gerade Ihnen gegenüber nicht tun! Sie erscheinen mir zu unschuldig, um unaufrichtig zu sein. Bevor ich sterbe, möchte ich wenigstens einem Menschen vollkommen vertrauen können. Wäre es möglich, dass Sie dieser eine sind? Werden Sie es für mich!“

Und er gibt dem jungen Mann das Versprechen, ihm seine Vergangenheit zu enthüllen, ohne das Geringste zu verbergen.

Doch der Leser muss lange auf diese Enthüllung warten, denn erst einmal muss der junge Mann sich nach bestandenem Examen um seine Eltern kümmern, sein Vater liegt im Sterben. Dieses Kapitel macht die Gegensätze zwischen ländlich, traditionellem Leben und Denken mit vorgegebenen Traditionen und Normen und dem städtischen, intellektuellen Leben in der Stadt deutlich, dem sich der Ich-Erzähler stärker verbunden fühlt. Dennoch fühlt er sich auch den Ansichten seiner Eltern verpflichtet. Heftige innere Konflikte sind die Folge, die er nicht mehr in Gesprächen mit dem Sensai sich klären kann. Dieser hatte ihn allerdings einmal in einem Gespräch auf die Konsequenzen der Freiheit hingewiesen:

„Wir Menschen heute in einer Zeit der Freiheit, der Unabhängigkeit und individuellen Entfaltung, müssen für diese Güter eben den Preis dieser Einsamkeit entrichten.“

Während sein Vater im Sterben liegt, erhält der Ich-Erzähler einen sehr umfangreichen Brief des Sensai, dem er zunächst entnimmt, das dieser nicht mehr lebt. Mit diesem Brief löst er sein Versprechen ein, das er dem Ich-Erzähler einst gegeben hat. Der Leser erfährt in einer Rückschau auf das Leben des Sensai, was ihn dazu bewogen hat, immer wieder daran zu denken, sich das Leben zu nehmen, bevor er beschlossen hat, „so zu leben, als wäre ich bereits gestorben.“ Und das, was er erzählt, ist ungeheuerlich.

Es ist ein Roman mit Tiefgang, ruhig dahinfließend wird man mit den wichtigsten Themen menschlichen Lebens konfrontiert, mit tiefer Einsamkeit als Konsequenz der fürchterlichen Erfahrungen, die der Sensai mit Menschen seiner nächsten Umgebung gemacht hat. Aber auch eigener schwerer Verfehlungen. Spannend und lesenswert. Ich kann jetzt gut nachvollziehen, dass Haruki Murakami, von diesem Schriftsteller begeistert ist, wie er in seinem Buch „Von Beruf Schriftsteller“ bekennt.

Natsume Sōseki, Kokoro, Roman a.d.Jap. übersetzt u. mit einem Nachwort versehen v. Oscar Benl, 382 S. Zürich 2016, ISBN 978-3-715-2418-2

Datum: 5. Januar 2017
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4 Kommentare

  1. FrauWind | Sonntag, 8. Januar 2017 12:40
    1

    Ich habe mir dieses Buch jetzt bestellt. Die Rezension (schreibst du die jeweils selber?) hat etwas ganz Feines in mir zum Klingen gebracht, wie eine Saite der Windharfe, die von einer leichten Brise berührt wird. Danke!

  2. mona lisa | Sonntag, 8. Januar 2017 23:05
    2

    Ja, ich schreibe alle Rezensionen auf diesem Blog selbst.
    Dann hoffe ich mal, dass dich der Roman anspricht.
    Herzliche Grüße!

  3. 3

    […] mich ist es nach „Kokoro“ der zweite Roman dieses japanischen Schriftstellers, zeitlich ist „Sanshirōs Wege“ […]

  4. 4

    […] Roman ist so anders als „Kokoroko“ und „Sanshirōs Wege„, da er in der sozialen Unterschicht mit seinen […]

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