Kilian Leypold, Ulrike Möltgen, Wolfsbrot

Bis dahin kannte ich nur das als Kind so begehrte Hasenbrot, auf das man wartete, wenn abends der Vater nach Hause kam.
In diesem Bilderbuch
(Copyright Ulrike Möltgen, kunstanst!fter verlag)

geht es um ein riesiges Wurstbrot, das der Ich-Erzähler von seiner Mutter für den langen Schulweg bekommt. Das ist die gute Nachricht für ihn, da es kurz nach dem Krieg selten ist, dass Wurst aufs Brot kommt. Die schlechte ist: Er muss heute allein gehen, da seine beiden Mitschüler krank zu Hause bleiben. Und der Schulweg führt durch einen dunklen Winterwald, denn es ist kurz nach den Winterferien und noch vor Sonnenaufgang.
(Copyright Ulrike Möltgen, kunstanst!fter verlag)

Die Gefühle des Jungen auf diesem Weg durch den Wald, die unheimliche Stille sind gut nachvollziehbar erzählt, ebenso die kindlichen Strategien mit dieser beängstigenden Situation umzugehen:

„Die erste Hälfte von meinem Brot würde ich essen, sobald ich den Wald hinter mir hätte. Auf einem umgestürzten Baumstamm, von dem aus ich schon das Schuldorf sehen konnte.
Die zweite Hälfte würde ich nach der Schule essen. Auf dem Nachhauseweg. Mit diesen Gedanken hielt ich das mulmige Gefühl in Schach, das mir vom Bauch langsam in die Kehle stieg.“

Doch es kommt ganz anders. Denn – noch bevor er die Schule erreicht – begegnet er zwei angsteinflößenden Gestalten, denen er sich ausgeliefert fühlt. Gleichzeitig nimmt er die Verletztheit und Versehrtheit dieser Gestalten wahr und handelt aus sener Empathiefähigkeit intuitiv so, dass er die Gefahr bannt, die von ihnen ausgeht.

„Als ich aus dem Wald herauskam, funkelten die schneebedeckten Felder im Licht der ersten Sonnenstrahlen. Die Nacht war vorbei.“
Für ihn ist nicht nur die reale Nacht vorbei, sondern auch seine, in der er sich mutig seinen Ängsten gestellt und sein Herz hat sprechen lassen. Mit dem Ergebnis:

„An diesem Tag kam ich verdammt hungrig nach Hause. Meiner Mutter sagte ich, dass ich morgen wieder ein Brot ohne Wurst mitnehmen wollte. Weil so ein Wurstbrot überhaupt nicht satt mache.“ Das ist die kindliche logische Schlussfolgerung aus seinen bewegenden Erlebnissen im Wald.

Das Buch ist von Kilian Leypold einfühlsam aus der Ich-Perspektive des kleinen Schuljungen erzählt. Die Illustrationen von Ulrike Möltgen machen seine Ängste sichtbar und somit noch nachvollziehbarer für Kinder im Grundschulalter. Die Gestaltung durch Sonja Müller-Späth sollte ebenfalls nicht unerwähnt bleiben, ist doch der Erzähltext grafisch unterschiedlich gestaltet. Sätze, die die Gefühlslage des kleinen Jungen verdeutlichen, sind in einer Art Schreibschrift dick schwarz geschrieben, so dass sie dem Leser sofort ins Auge springen:

„Ich musst mich also noch vor Sonnenaufgang auf den Weg machen.“

Welche (Un-) Tiefen dieser Satz zum Ausdruck bringt, wird im Kontext deutlich und nachfühlbar. Ein sehr empfehlenswertes Bilderbuch – wie immer auch für Erwachsene, die Kinderbücher lieben!!! Soll es geben ;)

Ulrike Möltgen Kilian Leypol, Wolfsbrot, kunstanst!fter verlag Mannheim 2017, ISBN 978-3-942795-52-4

Datum: 17. Februar 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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