André Heller, Uhren gibt es nicht mehr

Aus diversen „Gesprächen mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr“ hat André Heller, mit ihrem Einverständnis, 18 mehr oder weniger kurze Gespräche ausgewählt und in diesem Büchlein zusammengefasst. Zart, humorvoll, teilweise selbstironisch, heiter geht es um das, was im Leben wichtig und wesentlich ist und was einem am Ende des Lebens bleibt. – Sehr empfehlenswert.

André Heller, der nicht immer eine so zarte, liebevolle Beziehung zu ihr gehabt hat, schreibt über sie:

Dies „ließ sie empathischer und selbstzärtlicher werden. Sie sah sich und die Welt mit gütigeren Augen, ihre Gedanken und Taten wurden harmonischer und leuchtender. …(Sie) öffnete und durchschritt … bisher verborgene Türen in ihrem Wesen. Und sie traute sich zu, ihr Selbstverständnis noch einmal von Grund auf neu zu gestalten. Während sie auf ihre Besucher still dem Augenblick hingegeben wirkte, hatte sich ihr Bewusstsein aufs imponierendste verändert.“

Essenz der Gespräche – von deren Richtigkeit sich der Leser im Folgenden selbst überzeugen kann. Die Interviews geben einen knappen, aber wesentlichen Überblick über ihr Leben, das während des 1. Weltkrieges 1914 begann.

Die Frage ihres Sohnes: Bist du eigentlich mit dir befreundet? beantwortet sie so.

„Eher nicht. Ich war mir nie besonders sympathisch. Schon weil ich so groß war. Das war immer mein Leiden. Du kannst dir nicht vorstellen, wie groß ein Meter zweiundachtzig in meiner Generation war. Riesin haben sie mich verspottet. Ich habe mich bemüht, gebückt zu gehen, immer flache Schuhe zu tragen, damit ich kleiner wirke.“

Ihre Sehnsucht nach einem Haus am Meer blieb unerfüllt. Doch es geht auch um Schuld und Verantwortung für das, was um einen herum passiert ist. Sie wirft sich noch nach Jahrzehnten vor, einem verwundeten todkranken Soldaten den Kuss, um den er sie gebeten hat, verweigert zu haben, weil ihr davor gegraust hat.

„Am nächsten Morgen war er tot. Das kann ich mir nicht verzeihen. Diesen Kuss hätte ich gegen den Krieg und für den Frieden geben müssen.“

Als André ihr die Möglichkeit aufzeigt, es heute in Gedanken zu tun und die Schuld damit aufzulösen, antwortet sie ihm:
„Dann geh geh jetzt bitte, ich habe viel zu erledigen.“

Natürlich werden auch „Altersthemen“ angesprochen: Ihre mit dem Alter einhergehenden körperlichen Beeinträchtigungen, die im Widerspruch zu dem Gefühl stehen, innerlich doch noch jung zu sein und sich auf den nächsten Tag zu freuen.
Oder die Frage, was sie in ihrem Leben für wichtig und wesentlich hält und was sie – hätte sie die Wahl – anders machen würde. Und ob Angst noch ein Thema für sie ist.

„Ich hab keine Angst mehr, das zahlt sich nicht mehr aus. … Ich hab jetzt was anderes zu tun … einfach so sein.“

Sie unternimmt Führungen durch ihr Leben, „meist noch vor dem Erwachsensein“, „löst Knoten auf“ und ist sich dennoch bewusst, kaum mehr am Leben draußen teilzunehmen, es sei denn als Zuschauerin.

Am berührendsten war für mich das 12. Gespräch, in dem es ums Sterben geht. Freudig erzählt sie ihrem Sohn, was sie für sich entdeckt hat:

„Es gibt einen Durchschlupf. In mir. Man zieht sich ganz zurück und versammelt sich vor dem Durchschlupf. … Man kann ihn benützen oder nicht. Aber es gibt ihn, und ich weiß es. … Wenn man den Durchschlupf nicht benützt, muss man anderswo durchbrechen. Das ist nicht so sanft und sehr unangenehm. … Es gibt jetzt keine Eile mehr. Ich weiß, es gibt ihn, und ich weiß, wo er ist, ich bin ganz ruhig.“

Wie tröstlich für sie, aber vielleicht auch für den ein oder anderen Leser, der sich sicher bei der Lektüre fragen wird, was kann ich dazu beitragen, mein Leben zu leben, was gehört dazu und wie kann ich mich darauf vorbereiten, meinen Durchschlupf zu finden.

Ich wünsche diesem Buch viele Leser aller Altersklassen. Es kann einen heiter und ruhig werden lassen.

André Heller, Uhren gibt es nicht mehr. Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr, Paul Zsolny Verlag, Wien 2017, 109 S., ISBN 978-3-552-05831-6

Datum: 13. März 2017
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4 Kommentare

  1. Quer | Montag, 13. März 2017 8:09
    1

    Danke für dieses schönen Tipp, Mona Lisa.
    Ich werde sicher gelegentlich Gebrauch davon machen.
    Dir eine schöne Woche und liebe Grüsse,
    Brigitte

  2. mona lisa | Montag, 13. März 2017 8:25
    2

    Ich habe das Buch in einem „Rutsch“ gelesen. Bezaubernde Heiterkeit kehrt ein.
    Dir eine sonnige Woche mit vielen interessanten Begegnungen!

  3. seelenruhig | Montag, 13. März 2017 10:59
    3

    Deine Buchbschreibung mit den Zitaten geht mir nahe.. Danke dafür!

  4. mona lisa | Montag, 13. März 2017 11:02
    4

    Ich bin „nur“ das Medium, die Vermittlerin dieser wunderschönen Zeilen, hab dennoch Dank für deine Rückmeldung. Das tut gut!

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