Hermann Hesse, Marie Wolf, Kinderseele


(Copyright Marie Wolf, Edition Büchergilde)
Kafka hat sich in in einem „Brief an seinen Vater“ seine durch diesen ausgelöste Ängste von der Seele geschrieben, Hesse mit „Kinderseele“ etwas Ähnliches. Diese bereits 1918 entstandene Erzählung ist nun – als illustrierte Ausgabe – in der Edition Büchergilde neu erschienen. Tiere als Bilder für die Positionen und der damit gefühlten Mächtigkeit der jeweiligen Mitspieler verdeutlichen deren Bedeutung und Größe für den Protagonisten, der über eine weite Erzählstrecke „gesichtslos“ bleibt.

Hesse beschreibt aus der Ich-Perspektive eines elfjährigen Jungen einen unvergesslichen Tag, „von denen zu sprechen uns Mühe macht, … , sie sind gewissermaßen mehr unser als andere, und ihre Schatten fallen lang über alle unsere Tage unseres Lebens.“ In dieser autobiografischen Erzählung spielt der Vater eine sehr dominierende Rolle – zumindest in der Phantasie des Jungen, der den Vater als kritischen, strafenden, kaum etwas verzeihenden „Stellvertreter Gottes“ auf Erden empfindet.

(Copyright Marie Wolf, Edition Büchergilde)
„Als ich elf Jahre alt war, kam ich eines Tages von der Schule her nach Hause, an einem von den Tagen, wo Schicksal in den Ecken lauert, wo leicht etwas passiert. An diesen Tagen scheint jede Unordnung und Störung der eigenen Seele sich in unserer Umwelt zu spiegeln und sie zu entstellen. Unbehagen und Angst beklemmen unser Herz, und wir suchen und finden ihre vermeintlichen Ursachen außer uns, sehen die Welt schlecht eingerichtet und stoßen überall auf Widerstände.“

Der Junge stiehlt aus der Schublade im Arbeitszimmer seines Vaters, wohl wissend, was es zur Folge haben wird, einige Feigen und hat nun Angst vor Entdeckung bzw. Strafe. In seinen „Traum- und Gewissensängsten“ breitet sich das komplette mögliche Bestrafungsszenario aus, durch nichts eingedämmt in seiner Dramatik, denn trotz kindlicher Ohnmacht und Hilflosigkeit und der Suche nach Möglichkeiten, sich der Bestrafung zu entziehen, weiß er:

„Man konnte nicht fort, man konnte nicht nach Afrika fliehen oder nach Berlin. Man war klein, man hatte kein Geld, niemand half einem. Ja, wenn alle Kinder sich zusammentäten und einander hülfen!“

Doch die findet er nicht, stattdessen sucht er im Außen jemanden, an dem er die inneren Spannungen abreagieren kann, um sich wieder überlegen, stolz fühlen zu können – zumindest für den Moment – und gerät in einen „Kriegsrausch“. Er prügelt sich mit einem Klassenkameraden, der als Sündenbock herhalten muss.

Obwohl die Erzählung schon mehr als 100 Jahre alt ist, ist sie dennoch hochaktuell, macht sie doch – zwar in der analytischen Sprache eines Erwachsen – bis in die kleinsten Verästelungen deutlich und nachfühlbar, wie verletzbar Kinderseelen auch heute noch sind. Selbst wenn sicher die meisten heutigen Leser nicht alle so streng erzogen wurden wie Hesse zu Beginn des letzten Jahrhunderts, haben bestimmt alle Leser im Innern ähnlich dramatische Tage erlebt.

Zunächst ist man ein wenig irritiert von den Illustrationen Marie Wolfs, da sie nicht in die Zeit Hermann Hesses passen. Einen Gameboy gab es damals noch nicht und auch keine so stylischen Fahrräder und Kopfbedeckungen.

Im Nachwort erklärt die Illustratorin ihre Bilderwahl. Sie hat sich – wie wohl alle Leser – in dem Protagonisten wiedererkannt und illustriert Gegenstände aus der Zeit ihrer Kindheit, als sie wie der Junge der Erzählung 11 Jahre alt war. Dort findet man auch eine Erläuterung der Tierauswahl. Interessant, aber für das Verständnis nicht notwendig, da sich m.E. die Auswahl der Tierbilder emotional erschließt.

Eine spannende, interessante Erzählung, die es bestimmt wert ist, immer wieder gelesen zu werden, um mögliche Verletzungen von Kinderseelen so klein wie möglich zu halten und sanfter, liebevoller mit ihnen umzugehen.

Herman Hesse, Kinderseele, illustriert von Marie Wolf, Edition Büchergilde, Berlin 2017, 75 S., ISBN 978-3-86406-066-3

Datum: 24. März 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

  1. seelenruhig | Mittwoch, 29. März 2017 8:19
    1

    Ja , man spürt dieses Lähmende, Schwere, von Angst erfüllte…. schwarze Pädagogik – ein Begriff, der bei dieser Generation gerne benutzt wird und auch gut passt.
    liebe Grüße von Ellen

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