Todeserfahrung

Wir wissen nichts von diesem Hingehn, das
nicht mit uns teilt. Wir haben keinen Grund,
Bewunderung und Liebe oder Haß
dem Tod zu zeigen, den ein Maskenmund

tragischer Klage wunderlich entstellt.
Noch ist die Welt voll Rollen, die wir spielen.
Solang wir sorgen, ob wir auch gefielen,
spielt auch der Tod, obwohl er nicht gefällt.

Doch als du gingst, da brach in diese Bühne
ein Streifen Wirklichkeit durch jenen Spalt
durch den du hingingst: Grün wirklicher Grüne,
wirklicher Sonnenschein, wirklicher Wald.

Wir spielen weiter. Bang und schwer Erlerntes
hersagend und Gebärden dann und wann
aufhebend; aber dein von uns entferntes,
aus unserm Stück entrücktes Dasein kann

uns manchmal überkommen, wie ein Wissen
von jener Wirklichkeit sich niedersenkend,
so daß wir eine Weile hingerissen
das Leben spielen, nicht an Beifall denkend.

(Rainer Maria Rilke)

Datum: 14. April 2017
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4 Kommentare

  1. FrauWind | Freitag, 14. April 2017 7:43
    1

    Ich atme jedes Wort mit tief empfundenem Ja mit.
    Danke fürs Teilen, einmal mehr. Warme Herzensgrüsse zu Ostern für dich, FrauWind

  2. mona lisa | Freitag, 14. April 2017 8:07
    2

    Ganz lieben Dank, lese immer noch still, meist tief berührt bei dir mit, auch dafür: herzlichen Dank.
    Dir heilsame Feiertage. Mit liebem Gruß

  3. Quer | Freitag, 14. April 2017 9:54
    3

    Die Rilke-Texte tragen einen wie ein weicher Grasteppich, sanft bewegt vom Wind.
    Fast denkt man an ein Spiel und weiss doch, es geht um den Tod.
    Lieben Gruss,
    Brigitte

  4. mona lisa | Samstag, 15. April 2017 0:49
    4

    Und – gebettet auf diesem Grasteppich – kann man die Welt der Rollen vergessen, vielleicht aufgeben.
    Herzliche Grüße

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