Graham Greene/Annika Siems, Der dritte Mann

Die 1945 im Wien der Nachkriegszeit, aufgeteilt in vier Besatzungszonen, spielende Kriminalgeschichte „Der dritte Mann“ ist bereits 1950 erschienen und verfilmt worden. Einige Leser werden eher den Film als den Kriminalroman kennen, den die Edition Büchergilde jetzt, illustriert von Annika Siems, neu herausgegeben hat.

(Copyright Annika Siems, Edition Büchergilde)

Die Illustratorin ist sich der Schwierigkeit ihrer Aufgabe wohl bewusst, wie sie in ihrer Nachbemerkung zum Roman schreibt:
„Die Inszenierung und Besetzung des Films ist ein derartiger Geniestreich, dass wohl jeder, der Orson Welles in der Rolle des Harry Lime gesehen hat, bereits Bilder im Kopf haben würde, wenn er diese Ausgabe des Buches zur Hand nimmt.“

Sie erzählt, mit welcher Akribie und Freude sie sich dieser Herausforderung gestellt hat, um dann den „Kontrast zwischen realistischer Darstellung und grafischer Vereinfachung … zum wesentlichen Gestaltungselement“ ihrer ganz in Sepia gehaltenen Aquarelle zu wählen, die teilweise doppelseitig den Text illustrieren, sich aber stellenweise auch im Text einfinden und so Teil davon werden. Meiner Meinung nach hat Annika Siems die düstere Atmosphäre dieses Kriminalromans in seiner inneren und äußeren Handlung gut getroffen.


(Copyright Annika Siems, Edition Büchergilde)

„Man muss sich immer darauf gefasst sein, dass etwas Unvorhergesehenes passiert.“ Das ist der erste Satz dieses Krimis von Graham Greene.

Und es passiert eine Menge Unvorhergesehenes, von der der Ich- Erzähler, Ermittler im besetzten Wien, berichten kann. Die Kriminalgeschichte beginnt mit der Beerdigung von Harry Limes, auf der der Erzähler Rollo Martin, Limes Freund, zum ersten Mal sieht:

„Unter normalen Umständen ein fröhlicher Trottel. Trinkt zu viel und macht vielleicht ein bisschen Ärger. Hebt jedes Mal, wenn eine Frau vorbeikommt, den Blick und gibt irgendeinen Kommentar von sich, aber ich habe den Eindruck, dass es ihm eigentlich egal ist. Ist im Grunde nie erwachsen geworden, und vielleicht erklärt das die Art wie er Lime verehrt hat.“

Diese erste Beurteilung wird der Erzähler im Laufe seiner Ermittlungen revidieren müssen, wie auch Rollo Martin seine Beurteilung des Freundes zu revidieren hat, der sich auf dem Schwarzmarkt mit dem Verkauf von getrecktem Penicillin „eine goldene Nase verdient“ und dabei die Folgen – scheinbar ohne schlechtes Gewissen – in Kauf nimmt:

„Ich verdiene dreißigtausend unversteuert. So macht man das. Heutzutage, alter Junge denkt niemand mehr an Menschen. Die Regierungen tun es nicht, warum sollten wir es dann tun? Sie reden vom Volk und vom Proletariat, und ich rede von den Trotteln. Das ist dasselbe. Sie haben ihre Fünfjahrespläne, und ich habe meinen. … Mit dem was ich tue , füge ich niemandes Seele Schaden zu. Die toten sind besser dran. Hier verpassen sie nicht viel, die armen Teufel.“
Eine Einstellung, die heute aktueller ist denn je, was sie allerdings nicht besser macht.

„Der dritte Mann“ endet mit einer Beerdigung, die Rollo Martins in Begleitung einer Frau verlässt – hoffnungsfroher Ausblick in eine weniger düstere Zukunft? Das zu beurteilen, bleibt dem Leser überlassen.

Die im Wesentlichen sepiaschwarzweiß gehaltene Ausgabe, einzig der Titel „Der dritte Mann“ sticht heraus – gehalten in einem blassen Rosa oder ist es eher ein verblasstes Rot? – ist versehen mit einem silber glänzenden Lesebändchen. Die Ausgabe hat also alles, was das Herz eines Bücherfreundes höher schlagen lässt: einen interessanten Inhalt, gut gelungene Illustrationen und eine das Auge erfreuende Aufmachung.

Graham Greene, Der dritte Mann, illustriert von Annika Siems, Edition Büchergilde, Frankfurt/M. 2017, 203 S., ISBN 978-3-86406-076-2

Datum: 2. Mai 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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