Die Wahrheit und das Märchen

Gestern hatte ich eine Begegnung der besonderen Art, verzaubernd, märchenhaft im wahrsten Sinne des Wortes.

In der Stadt habe ich eine Frau gesehen, die sich suchend umschaute. Ich bin auf sie zugegangen und habe sie gefragt, ob ich ihr irgendwie helfen könne. Mit großen Augen sah sie mich an und sagte:

„Nein danke, ich warte auf meinen Mann und schaue mich nach einer Sitzgelegenheit in der Sonne um. –
Sie sind aber aufmerksam! Das ist selten.“

„Ja, ich bekomme viel mit, manchmal fast zu viel.“ Und es ergab sich ein wunderbares Gespräch über Achtsamkeit im Umgang mit anderen, und über „Gott und die Welt“. Im Verlauf des Gespräches stellte sich heraus, dass sie ausgebildete Märchenerzählerin ist. Ich war baff. Noch mehr als sie – wie aus der Pistole geschossen – begann, mir Märchen zu erzählen, Märchen, die ich noch nicht kannte.

Die Märchen, vor allem aber ihre Art, sie zu erzählen, nämlich inwendig und nicht auswendig, haben mich tief berührt, gerührt. Es war eine wundervolle Begegnung.

Ich möchte euch daran teilhaben lassen, indem ich in den kommenden Tagen die von ihr erzählen Märchen hier abdrucke. – Leider nur ein schwacher Ersatz, weil ihre besondere Art des Vortrages fehlt, eine ganz wichtige Dimension für die Wirksamkeit der Märchen. Beseelt bin ich dann nach Hause gefahren, wo schon der Wasserzähleraustauschmensch auf mich wartete.

Die Wahrheit ging durch die Strassen der Stadt, ganz nackt, wie am Tage ihrer Geburt. Kein Mensch wollte sie in sein Haus einlassen. Jeder, der sie traf, flüchtete voller Angst vor ihr. Da war die Wahrheit betrübt und verbittert.
Als sie eines Tages wieder einmal in Gedanken versunken durch die Strassen ging, begegnete sie dem Märchen.
Das Märchen war geschmückt mit prächtigen bunten Kleidern, die jedes Auge und jedes Herz entzückten.
„Sag mir, geehrte Freundin“, fragte das Märchen die Wahrheit, „warum bist du so bedrückt und drehst dich auf den Strassen so betrübt herum?“
Da antwortete die Wahrheit: „Es geht mir schlecht, ich bin alt, kein Mensch will mich kennen, keiner mag mich.“
Doch das Märchen entgegnete ihr: „Nicht weil du alt bist, lieben dich die Menschen nicht. Auch ich bin sehr alt, und je älter ich werde, desto mehr lieben mich die Menschen. Siehe, ich will dir das Geheimnis der Menschen enthüllen: Sie mögen es, wenn jemand geschmückt ist, schön gekleidet und hübsch anzusehen. Ich werde dir solch herrliche Kleider borgen, mit denen ich angezogen bin, und du wirst sehen, dass die Leute auch dich lieben werden.“
Die Wahrheit befolgte diesen Rat und schmückte sich mit den Kleidern des Märchens. Und seitdem gehen Wahrheit und Märchen zusammen, und beide sind bei den Menschen beliebt.

(Jüdisches Märchen)

Datum: 1. Juni 2017
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7 Kommentare

  1. Sonja | Donnerstag, 1. Juni 2017 9:13
    1

    Wunderschön!
    Krasser Kontrast: die Märchenerzählerin und der Wasserzähleraustauschmann.
    Man liest von Liebe, der einzigen Wahrheit…
    Gruß von Sonja

  2. seelenruhig | Donnerstag, 1. Juni 2017 15:09
    2

    Das berührt mich sehr. Was für eine wundervolle Begegnung! Märchenhaft im wahrsten Sinne des Wortes! Davon wirst du noch lange zehren… und wir auch, wenn du uns teilhaben lässt in nächster Zeit!

  3. Quer | Donnerstag, 1. Juni 2017 18:36
    3

    Diese Begegnung hat schon fast schicksalshafte Züge in ihrer Spontaneität und Intensität.
    Lieben Dank fürs Teilen.
    Hab einen freudigen Abend!
    Mit liebem Gruss,
    Brigitte

  4. mona lisa | Freitag, 2. Juni 2017 10:20
    4

    @ Sonja, so gegensätzlich kann Leben sein.
    Wenn alles sein darf und seinen Platz bekommen kann, geht’s für mich. Wenn nicht wird’s schwierig ;)

  5. mona lisa | Freitag, 2. Juni 2017 10:22
    5

    @ Seelenruhig, diese Begegnung hat mich beseelt, mich in meiner Seele berührt. Hört sich vielleicht „kitschig“ an, entspricht aber meinem Empfinden völlig.

  6. mona lisa | Freitag, 2. Juni 2017 10:23
    6

    @ Quer, ich teile gerne (mit), weil mir auch die Märchen so gut gefallen haben.
    Auch dir wünsche ich einen Tag mit zauberhaften Momenten.

  7. 7

    […] dritte Märchen war das erste, das sie mir erzählt […]

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