Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°

„Ich lebe allein in einer Garage, zusammen mit meinem Laptop und einer alten Handgranate. Wir haben es wahnsinnig gemütlich. Das Bett ist ein Krankenhausbett, andere Möbel brauche ich nicht, bis auf ein Klo, dessen Benutzung ich enorm beschwerlich finde. Der Weg ist furchtbar weit. Dreimal täglich muss ich mich diese Via Dolorosa entlangschleppen wie ein rheumatisches Gespenst. Ich träume von Katheder und Bettpfanne, aber die Anträge dafür stecken irgendwo im System fest. Wir haben es alle nicht leicht.“

So beginnen die Memoiren der Herbjörg María Björnsson, einer achtzigjährigen Isländerin, die – nicht nur kriegsbedingt – viel in der Welt herumgekommen ist und ein bewegt bewegendes, heißes Leben geführt hat.

Gegenwarts- und Vergangenheitsbetrachtungen und Gedanken über ihre nahe Zukunft, wechseln sich ab. Immer gleich bleibt der erfrischend und für eine über Achtzigjährige ungewohnte rotzfreche, bis an die Grenzen der Vulgarität gehende Sprachduktus, der mir persönlich dann auf Dauer aber „auf die Nerven“ geht, weil sie scheinbar vor nichts und niemandem Respekt hat.

Aber vielleicht ist das – den Tod vor Augen – auch völlig ok so. Auf wen oder was soll sie noch Rücksicht nehmen? Auf ihre drei Söhne von drei verschiedenen Männern, die mit Hilfe ihrer raffgierigen Frauen ihr Haus verkauft haben, sich aber nicht mehr um sie kümmern? Sie weiß aber auch, dass es nicht nur an den anderen allein liegt: „Ich kann aber auch ein Biest sein.“

Dann ruft sie eines Tages bei einem Krematorium an, um einen Termin für ihre Einäscherung zu buchen. Der sich daran anschließende Dialog ist humorvoll und makaber zugleich, für die Angestellte auf jeden Fall verwirrend neu:

„Also, wenn’s eng wird, komme ich einfach vorbei, und ihr schiebt mich lebend in den Ofen.“
„Lebend? Nein. Das ist … verboten , verstehen Sie?“
„Auch gut. Ich werde versuchen, bis dahin tot zu sein. Wann hast du denn einen Termin frei?“
„Tja, wann würde es Ihnen den passen?“
„Wann möchte ich denn sterben? Ich habe mir gedacht vor Weihnachten, in der Adventszeit. Also etwa Mitte Dezember?“
„Hm, das wäre … ja, doch da ist noch was frei. Das ließe sich machen, denke ich.“
„Gut. Würdest du den Termin für mich reservieren?“
„Äh okay. An welchem Tag denn?“
„Sagen wir am 14. Was für ein Wochentag ist das?“
„Das ist ein Montag.“
„Perfekt. Das bietet sich doch an: Man fängt die Woche damit an, sich verbrennen zu lassen. Um wieviel Uhr?“
„Also, es ginge gleich zu Anfang, um neun. Wenn Sie wollen. Sie können aber auch nach Mittag kommen.“
„Hm, ich denke, nach Mittag ist sicherer. …“

Nach diesem Gespräch ist sie fest entschlossen, „sich in der Adventszeit zu verabschieden“. Die Tausend Grad sind ihr Anlass zur Beruhigung und Freude: „Das Fegefeuer dürfte kaum heißer sein.“

Ob und wie sie sich dann verabschiedet, verrate ich natürlich nicht. Vorher allerdings nimmt sie den Leser mit auf Erinnerungstour durch ihr Leben.

Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°, Roman, a.d.Isländischen v. Karl-Ludwig Wetzig, dtv 2. Aufl. 2013, 400 S., ISBN 978-3-423-21449-0

Datum: 30. Juni 2017
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5 Kommentare

  1. Traute (Trudy) Magsig | Samstag, 1. Juli 2017 19:48
    1

    Liebe Mona Lisa,
    seit einigen Jahren lese ich mit Freude und Interesse deinen Blog und fand durch deine Tipps schon viele tolle Bücher, die ich sonst nie gelesen hätte.
    Dieses spricht mich total an, weil ich momentan grad was Verrücktes brauche … ich hab es bei Medimops für 0,25 € plus Versand ergattert.
    Heute will ich dir einfach mal DANKE sagen.
    Schön, dass es dich gibt!
    Liebe Grüsse,
    Trudy

  2. mona lisa | Samstag, 1. Juli 2017 21:20
    2

    Lieben Dank für deine Rückmeldung.
    Das tut mir insofern gut, als die Kommentare zu den Büchern recht selten sind und ich mich manchmal schon frage, ob‘ die Rezensionen für andere überhaupt sinnvoll sind, obschon die Zahlen da eine andere Sprache sprechen.
    Nur mit Zahlen habe ich es nicht so ;)
    Noch einen angenehmen Abend.

  3. Sonja | Sonntag, 2. Juli 2017 14:14
    3

    Nun – ich will es haben und schaue sofort nach Erwerbsmöglichkeit!
    Danke.

  4. mona lisa | Sonntag, 2. Juli 2017 14:20
    4

    Beim Lesen habe ich immer wieder an dich gedacht, deine Art zu schreiben u. auch die Welt zu sehen!
    Vielleicht schreibst du nach der Lektüre einen kurzen Kommentar!
    Hoffentlich hast du viel Spaß bei der Lektüre!

  5. 5

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