Junichiro Tanizaki, Der Schlüssel

Der 1956 veröffentlichte „erotische Tagebuchroman-Klassiker Japans“ – so heißt es auf dem Klappentext – liegt nun in einer Neuübersetzung im Cass Verlag vor.

“ 1. Januar – VON DIESEM JAHR AN WERDE ICH IN MEINEM TAGEBUCH FREIMÜTIG AUCH DAS ZUR SPRACHE BRINGEN, WAS AUFZUZEICHNEN ICH IMMER BEDENKEN HATTE UND IM EINZELNEN NICHT DARZULEGEN GEWAGT HABE – MEIN SEXUALLEBEN UND DIE BEZIEHUNG ZU MEINER FRAU.“

So beginnt der Roman, der einen Zeitraum von einem halben Jahr umfasst. Der Ich-Erzähler, ein Universitätsprofessor, der als einziger namenlos bleibt, hat Schwierigkeiten, das sexuelle Verlangen seiner viele jüngeren Frau Ikuku, die er in dieser Hinsicht als unnormal oder als mannstoll bezeichnet, zu erfüllen, zumal sie ihm verbietet, sie nackt zu sehen. Das Licht muss im Schlafzimmer ausbleiben. Sie stammt aus einer alten konventionell ausgerichteten Kyoter Familie und ist im „feudalistischen Milieu großgeworden„, in der das Thema Sexualität tabu war. Trotz ihres enormen sexuellen Verlangens spielt Scham eine große Rolle, so dass das Ehepaar sich über seine sexuellen Vorlieben und Schwierigkeiten nicht austauscht. Was bleibt sind Frustrationen und ein freudloser Ehealltag.

Er versucht in seiner Not, über sein Tagebuch mir ihr zu sprechen, indem er zum einen freimütig über seine sexuellen Schwierigkeiten, seine libidinösen Wünsche und Sehnsüchte schreibt und darüber, was ihn an- und erregt. Minutiös beschreibt er die abendlichen Ereignisse und seine sexuellen Erregungszustände, seine Lust, aber auch die Ängste, ihnen auf Dauer gesundheitlich nicht gewachsen zu sein. Zum anderen lässt er den Schlüssel des Tagebuches so liegen, dass seine Frau ihn finden muss und damit die Möglichkeit hat, seine Aufzeichnungen zu lesen. Ob sie dies tun wird, bleibt ihm verborgen und auch der Leser bleibt darüber lange im Unklaren.

Auch Ikuku schreibt Tagebuch, in der Schriftart klar von seinen Eintragungen abgegrenzt. Ihre Sicht ist eine völlig andere. Während der Professor seine Frau offensichtlich trotz aller Widrigkeiten immer noch liebt, begehrt und respektiert, erkennt man an ihren Eintragungen, dass sie ihn und all seine Körperlichkeit widerlich findet, vor allem seine fahle Haut und seinen Gesichtsausdruck, wenn er keine Brille trägt. Dennoch ist für sie klar, dass sie die Ehe aus Konventionen heraus aufrechterhalten wird. Sie schildert in zunehmenden Maße ihre Sicht und Bewertungen der Ehe, geht aber davon aus, dass ihr Mann ihre Tagebucheintragungen nicht kennt, da sie heimlich, in seiner Abwesenheit schreibt, auf besonderem Papier, mit einer besonders feinen Feder, die kaum Kratzgeräusche auf dem Papier verursacht.

Der Professor bemerkt an Neujahr, dass seine Frau unter Alkoholeinfluss schnell betrunken wird, sich ins Bad zurückzieht, ohnmächtig wird und über einen längeren Zeitraum nicht wirklich bei Bewusstsein, aber auch nicht völlig weggetreten ist. Die Grenze ist für ihn oft nicht auszumachen. Diesen Zustand nutzt er aus, um seine Frau zu betrachten, ihre Schönheit zu bewundern, auf sich wirken und sich davon erregen zu lassen. Zum ersten Mal scheint er sie nach Jahren wirklich beglückt zu haben.

Und so wird das abendliche Cognactrinken für beide zu einer Art „Vorspiel“, bei der allerdings auch Kimura, der angehende Schwiegersohn ihrer Tochter Toshiko, als eine Art Aphrodisaikum involviert wird, den der Protagonist hinzuzieht, wenn die ohnmächtige Ikuko ausgezogen und ins Bett gebracht werden muss. Er weiß, dass die beiden eine gewisse Zuneigung zueinander haben, obschon Kimura mit der Tochter befreundet ist. Dies erregt ihn zusätzlich sowie auch seine langsam entstehende Eifersucht, zumal seine Frau nicht seinen Namen ruft, wenn er mit ihr schläft, sondern den ihres zukünftigen Schwiegersohnes. Darüberhinaus lässt er seinen Schwiegersohn in spe auch noch Nacktfotos seiner Frau entwickeln, die zudem seiner Tochter in die Hände fallen.

Es entsteht ein in jeder Hinsicht gefährliches Spiel nicht nur zwischen den beiden Eheleuten, denn auch Kimura und Toshiko sind zunehmend Teil dieses erotischen Spiels, das sich zu einer die gesamte Familie umfassenden Intrige wandelt, bei dem die Motive und Absichten der Beteiligten stets unklarer werden. Bis dann später Ikuku freimütig ihre Affäre dem Freund ihrer Tochter eindeutig festhält obschon sie nur schreibt:

– Um elf höre ich im Garten Schritte …

28. April– Um elf Schritte …

29.April – Um elf Schritte …

30. April – Ein Uhr Besuch von Doktor Kodama … Anfang nächster Woche soll ich Professor Soma kommen lassen …
– Um elf Uhr Schritte …“

Ihre Tagebucheintragungen enden so:

„Kimuras Plan sieht vor, dass er und Toshiko nach angemessener Frist der Form halber heiraten und die beiden dann bei mir einziehen. Dass Tashiko also, um den Schein zu wahren, sich für ihre Mutter opfert …“

Entstanden ist ein ungewöhnlicher erotischer, nie ordinärer, dafür aber psychologisch höchst interessanter Roman. Heutigen Lesern entstehen sicher viele ethische, rechtliche und moralische Fragen, denn der alkoholisierte, beinahe bewusstlose Zustand der Frau legt die Frage nahe, ob es sich nicht tatsächlich um eine Vergewaltigung handelt. Da Ikuku aber offensichtlich gerade durch diese Art des Beischlaft befriedigt wird, diese Fragen in den 50igern des letzten Jahrhunderts noch keine waren, möge man den Roman eher als spannende, literarisch gelungene Darstellung von Liebesnöten und Intrigen eines Paares sehen, das sich in jeglicher Hinsicht – die Dimensionen und Facetten werden erst im Verlauf der Handlung deutlich – auf einer schmalen, gefährlichen Gradwanderung befindet.

Junichiro Tanizaki, Der Schlüssel, Roman, a.d.Jap. übersetzt v. Katja Cassing u. Jürgen Stalph, Cass-Verlag 2017, 199 S. und einer editorischen Notiz, ISBN 987-3-944751-13-9

Datum: 6. Juni 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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