Leseprobe: Heimweh nach Island

„Nach einem halben Leben im Ausland dürstete mich nach meinem Land mit all seinen Erbärmlichkeiten. Mit seinen Frauenvereinskaffetrinken, seiner Kuchenbesessenheit, seinem Colakonsum und dem Cocktailsoßengeklecker. Mit Regen und Sturm und seinen ungehobelten, barschen Kerlen. Mit seiner kulturlosen, schafzüchtergroben, schlechtdeutschen Architektur, seinen endlosen Parkplätzen und Benzintempeln. …
Island ist nun weiß Gott nicht überall schön. Das Hochland zum Beispiel ist über weite Strecken total hässlich, so auch rund um den Snæfellsjökull, und erst recht die Halbinsel Reykjanes und die Hellisheidi, diese kalt gebackene Schneesturmgrütze. Dennoch suchen Reisende von weither diese kahlen, öden Landstriche auf, weil sie von ihrer EU-genormten Lieblichkeit mit steinernen Kirchen, Weinreben und Apfelverkäuferinnen in grünen Schürzen genervt sind. Ich jedenfalls hatte die Nase davon reichlich voll und wollte heim in meinen nasskalten Schneeregen über flacher Lavalandschaft.“

(aus: Hallgrímur Helgason, Eine Frau bei 1000°, dtv, S. 318f)

Datum: 3. Juli 2017
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