Sei Shōnagon, Kopfkissenbuch

Das „Kopfkissenbuch“ ist im Manesse Verlag zum ersten Mal vollständig in deutscher Übersetzung erschienen, mit ausführlicher Kommentierung, Personenverzeichnis, Glossar, Nachwort und editorischer Notiz – sinnvolle Ergänzungen, um dem Leser das noch genauerer Eintauchen in die so fremde, exotische Welt des japanischen Kaiserpalastes zu ermöglichen, die Sei Shōnagon so poetisch, intelligent, humorvoll, aber auch oft sehr ironisch in ihren tagebuchartigen Aufzeichnungen von insgesamt 325 Abschnitten vor einem ausbreitet.

„Im Frühling liebe ich die Morgendämmerung, wenn das Licht allmählich wiederkehrt, die Umrisse der Berge sich schwach vor dem hellen Himmel abzeichnen und schmale, rosa angehauchte Wolkenstreifen über sie hinwegziehen.
Im Sommer sind es die Nächte, besonders die Mondscheinnächte die es mir angetan haben. Aber selbst die Finsternis hat ihren Reiz, wenn Glühwürmchen in großer zahl umherschwirren. …
Im Herbst ist es die Abendstunde, wenn die noch kräftige Abendsonne sich immer mehr den Berggipfeln nähert und die Krähen ihren Schlafplätzen zustreben. … wie eilig sie heimfliegen, ein bewegender Anblick! Entzückend ist es such, wenn Wildgänse in Formation winzig kein in der Ferne dahinziehen. Und dazu natürlich noch der sachte Windhauch nach Sonnenuntergang und das Zirpen der Grillen.
Im Winter mag ich den frühen Morgen. Vor allem, wenn Schnee gefallen ist oder Raureif alles weiß verziert. Aber auch, wenn einfach nur grimmige Kälte herrscht … .“
So bildhaft beginnt dieses Kleinod von einem Buch!

Schon das Anfassen des glatten, fast seidenähnlichen Leineneinbandes ist ein haptisches Vergnügen, durch keine inhaltliche Zusammenfassung auf der Rückseite gestört. Sie ist dem Buch auf einem pergamentpapierähnlichen Blatt lose beigefügt. Die sichtbar rote Buchbindung ist ein weiterer Eyecatcher wie auch das rote Lesebändchen dieses großformtatigen Bandes, eine sinnvoll praktische Ergänzung. Denn in diesen Aufzeichnungen ihres Alltags als kaiserliche Hofdame erzählt Shōnagon nämlich keine lineare Geschichte, sondern:

„In diesem Buch habe ich all das, was ich gesehen oder empfunden habe, niedergeschrieben, und zwar in den Mußestunden zu Hause, denn andernfalls hätte ich damit rechnen müssen, dass es womöglich Fremde zu Gesicht bekämen. Es mag hier und da vorkommen, dass ich mir Ausdrucksweisen geleistet habe, die bedauerlicherweise irgendjemanden vor den Kopf stoßen könnten.“

Ja, mit ironischen, freimütigen Kommentierungen ist sie nicht zurückhaltend. So findet man in dem Abschnitt Unausstehliches folgende Anmerkung:

„Ein Besucher, der genau dann kommt, wenn ich dringende Dinge zu erledigen habe, und dann endlos daherschwatzt. Ist es jemand, dem ich keinen großen Respekt schulde, kann ich ihn fortschicken und auf später vertrösten, aber wenn es sich um eine hohe Persönlichkeit handelt, stecke ich in der Klemme. Sehr unangenehm!“

Es ist ein Buch, das vom japanischen Kaiserpalast um 1000 ein anschauliches, sehr detailreiches Gemälde zeichnet. Man erfährt von Kleidervorschriften, den farbenprächtigen Gewändern mit ihren vielen, meist bedeutungsvollen Farben, den durch die Hierarchie geprägten Umgangsformen und Begegnungen, aber auch von ihrer eigenen Stellung, Position und Stellung im Umkreis der Kaiserin, die ihr vertraut und nicht selten Rat von ihr erbittet. Denn Shōnagon ist intelligent und sprachlich sehr gewandt und vielseitig.

Ihr Sprachstil weist eine große Bandbreite auf, ist Spiegel ihrer Interessen, ihres gut ausgeprägten Selbstbewusstsein, ihrer Vorlieben, ihrer Intelligenz, poetischen Kenntnisse und Fähigkeiten, basierend auf ihrer guten Beobachtungsgabe.

Für den Leser sehr angenehm sind die erläuternden und hilfreichen Anmerkungen, zu finden auf der jeweiligen Seite, witzig in das Layout integriert. Es erspart das ständige Umblättern ans Ende des Buches, bringt einen durch die Anordnung der Anmerkungen allerdings schon in Bewegung, da man zum Lesen das Buch in verschiedene Richtungen drehen muss.

Das „Kopfkissenbuch“ ist Teil der japanischen Literaturgeschichte geworden, von Shōnagon im Buch selbst so kommentiert:

„Zu einem Kopfkissen taugt es doch allemal…!“

In dieser schönen Manesse-Ausgabe aber nicht wirklich. Dieses ansehnliche Buchexemplar sollte vielmehr offen ausliegen. Dann haben viele Menschen etwas davon. In meinem Urlaub sind immer wieder Menschen an meinem Tisch stehen geblieben und haben mich wegen des Buches angesprochen.

Es ist ein interessantes, spannendes Buch, wenn man an diesen alltäglichen Begebenheiten Freude hat, ein Buch, das sich ohne Weiteres häppchenweise lesen lässt, in dem man blättern oder aus dem man sich – über das Inhaltsverzeichnis geleitet – spezielle Kapitel herausgreifen kann. Es ist auf jeden Fall ein wunderbarer Geschenkband, mit dem man lieben Menschen eine Freude machen kann, zum Geburtstag und anderen Gelegenheiten. Und Achtung: Weihnachten ist meist schneller wieder da, als man denkt!!

Sei Shōnagon, Kopfkissenbuch, a.d.Jap. übersetzt von Michael Stein, Mit ausführlicher Kommentierung, Personenverzeichnis, Glossar, Nachwort und editorischer Notiz, Manesse Verlag, Zürich 2015, 378 S., ISBN 978-3-7175-2314-7

Datum: 18. Juli 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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