Khalid Al-Maaly (Hrsg.), Die Flügel meines schweren Herzens

„Die Flügel meines schweren Herzens“ – welch ein Titel!

Es ist der Titel einer interessanten Lyriksammlung arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute, mit einem Nachwort von Khalis Al-Maaly, das für die LeserInnen eine sinnvolle Einführung in die doch – zumindest für uns westliche LeserInnen – so fremde und unbekannte Welt gibt. Von arabischen Lyrikerinnen gibt es, im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen, kaum Anthologien. Diese Sammlung wundersamer Gedichte ist eine Neuauflage und Erweiterung der 2008 erstmals erschienenen Ausgabe, allerdings um zehn Gedichte jüngerer Lyrikerinnen erweitert. Sie enthält zudem erstmals auch die arabischen Originaltexte.

Die meisten Gedichte verarbeiten eigene (Liebes-) Erlebnisse oder die ihrer Familien oder Bekannten und zeigen damit – mosaikartig – eine große Bandbreite Erfahrungen in der arabischen Welt aus eher weiblicher Perspektive.

MANAHEL AL-SAHOUI
Der Schriftsteller, der einsam starb

Einsam zu sterben ist eine Ur-Freiheit
Der Stoff der Vorhänge ist das Leichentuch
Das du voller Schmerz in deinen Händen hieltest
Du bist, so wie du es wolltest, am Morgen von uns gegangen
Du hast die Vorhänge nicht zur Seite geschoben, um die Sonne zu sehen.
Zu gähnen und die müden Hände auszustrecken
Oder den alten Hund der Nachbarin zu betrachten
Die geblümten Vorhänge, die dein Leichentuch wurden
Dein Zimmer ist ein wohl geordnetes Grab:
Der dunkelblaue Holzschrank
Der wackelige Tisch
An der Wand hängen Bücherregale
Ein Stapel Papier klammert sich an deine letzen Tage
Und ein Glas, es füllt sich mit dem Durst der Frau’n in deinem Bett
Dein Zimmer ist geschmackvoll
So wie du es immer wolltest
Die Nachbarn werden kommen, wenn du zu faulen beginnst
Und dein Geruch durch das Viertel zieht.
Sie sagen dann immer wieder voller Angst:
„Gibt’s eine geordnetere Einsamkeit als diese?“

INAYA DJABIR

Ein Kuss
Der Himmel ist blau,
und da ist keine einzige Berührung des Todes,
das Licht fällt auf meine Haut,
ich bin gänzlich vergessen,
als wär‘ ich ein schlechter Traum,
und ich bin dankbar,
weil jemand mich zu einem fernen Punkt begleitet hat, zu einer Art Morgen,
beschwert mit Äther, den die Bienen lieben.
Dieser Jemand atmet die Luft,
seiner Abneigung und seiner eigenen Schande zum Trotz,
er verlangt beinahe geräuschlos nach dem Kuss,
doch seine Finger vermögen nicht die Schlösser zu ihm zu öffnen.

Kahlid Al-Maaly, Die Flügel meines schweren Herzens, Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute, a.d. Arabischen v. Khalid Al-Maaly u. Heribert Becker, Manesse Verlag Zürich 2017, 190 S., ISBN 978-3-7175-4092-2

Datum: 6. August 2017
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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