Verbundenheit und Freiheit

Lese gerade in Gerald Hüthers Buch „Etwas mehr Hirn, bitte“. Es ist als eine „Einladung zur Wiederentdeckung der Freude am eigenen Denken und der Lust am gemeinsamen Gestalten“ gedacht, so lautet jedenfalls der Untertitel. Dort habe ich folgende Zeilen gefunden, die zusammenfassen, was für viele scheinbar nicht zusammenpasst:

Unsere westliche Welt „ist dadurch gekennzeichnet, dass viele Menschen immer deutlicher spüren, dass ihre Grundbedürfnisse sowohl nach Verbundenheit als auch nach Autonomie und Freiheit nicht dadurch gestillt werden können, dass mehr unternommen wird, um das eine oder das andere zu stärken. Wir brauchen beides, Verbundenheit und Freiheit. Und wenn sich beide Bedürfnisse nicht gleichzeitig stillen lassen, erleben wir uns in einem Dilemma gefangen. Das ist nicht lebensbedrohlich und löst noch nicht einmal eine Angstreaktion aus. Man kann sogar einfach so weitermachen wie bisher. Aber es macht eben keine Freude, es ist nicht erfüllend.

Je stärker Menschen sich nur noch als Mitglieder eines Kollektivs erleben, desto mehr fühlen sie sich dadurch in ihrer Freiheit eingeschränkt. Und je freier und unabhängiger sie ihr Leben gestalten können, desto leichter verlieren sie die Verbundenheit mit den anderen. Dieses Dilemma lass sich eben nicht durch ein Mehr an Kollektivismus oder Individualismus lösen, sondern nur durch den Aufbau einer Beziehungskultur, einer Art des Zusammenlebens mit allen anderen, in der sich jeder Einzelne gleichermaßen verbunden wie auch frei fühlt. “

(Gerald Hüther, Etwas mehr Hirn, bitte, Göttingen 2015, S. 133 f.)

Datum: 4. November 2017
Themengebiet: Aufgelesen, Denk-Würdiges, Merk-Würdiges Trackback: Trackback-URL
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4 Kommentare

  1. Sonja | Montag, 6. November 2017 23:45
    1

    Ob sich die Beziehungskultur der jungen Menschen wirklich nur über facebook oder sonstige Wischsachen vollzieht?
    So anders ist alles geworden. Verbunden wie auch frei fühle ich mich in meinem Freundeskreis, denn die kennen mich – was aber, wenn man in irgendeiner Kirche sitzt, sich vielleicht in der Gemeinde geborgen fühlt – und plötzlich einer zu schießen beginnt, ach, Herr Hüther, was sagen Sie dazu?
    Es ist spät, ich beende mal meine Gedankencollage…
    Gruß von Sonja

  2. Quer | Dienstag, 7. November 2017 6:34
    2

    Da hat er sicher Recht, der Herr Hüther. Bei der Erreichung seiner hehren Ziele wird es dann allerdings schon schwieriger…
    Lieben Gruss in einen möglichst ausgewogenen Tag,
    Brigitte

  3. mona lisa | Dienstag, 7. November 2017 8:36
    3

    @ Sonja, Herr Hüther hätte vielleicht eine Antwort – doch die kenne ich nicht 😉
    Dass Menschen Freiheit oder das, was sie dafür halten, missbrauchen, wird niemand verhindern. Vielleicht aber würde ein anderes Zusammenleben eine höhere Zufriedenheit der Menschen zur Folge haben.
    Mit lieben Gruß

  4. mona lisa | Dienstag, 7. November 2017 8:38
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    @ Quer, er behauptet auch nicht, dass es einfach ist, aber not-wendig.
    Zauberhaft neblige Morgengrüße!

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