Herz, die Erde begreifend?


Mehr und mehr kommt das christliche Erlebnis außer Betracht; der uralte Gott überwiegt es unendlich. Die Anschauung, sündig zu sein und des Loskaufs zu bedürfen als Voraussetzung zu Gott, widersteht immer mehr einem Herzen, das die Erde begriffen hat. Nicht die Sündhaftigkeit und der Irrtum im Irdischen, im Gegenteil, seine reine Natur wird zum wesentlichen Bewusstsein, die Sünde ist gewiss der wunderbarste Umweg zu Gott – – –, aber warum sollten die auf Wanderschaft gehen, die ihn nie verlassen haben? Die starke innerlich bebende Brücke des Mittlers hat nur Sinn, wo der Abgrund zugegeben wird zwischen Gott und uns –; aber eben dieser Abgrund ist voll vom Dunkel Gottes, und wo ihn einer erfährt, so steige er hinab und heule drin [das ist nötiger, als ihn überschreiten]. Erst zu dem, dem auch der Abgrund ein Wohnort war, kehren die vorausgeschickten Himmel um, und alles tief und innig Hiesige, das die Kirche ans Jenseits veruntreut hat, kommt zurück; alle Engel entschließen sich, lobsingend zur Erde!

(Rainer Maria Rilke, aus einem Brief an Ilse Jahr)

Datum: 27. Februar 2018
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2 Kommentare

  1. Quer | Mittwoch, 28. Februar 2018 6:12
    1

    Ein sehr philosophisch-religiöser Text von Rilke. Nicht einfach zu verstehen.
    Und das Bild kenne ich. Ist das nicht eine Installation aus dem jüdischen Museum in Berlin: All die geschundenen und im Krieg oder im Holocaust umgebrachten Menschen? Sehr berührend!

    Lieben Gruss,
    Brigitte

  2. mona lisa | Mittwoch, 28. Februar 2018 7:15
    2

    Du hast völlig Recht!
    Manchmal darf’s doch ein wenig schwieriger sein ?!
    Liebe Morgengrüße, noch vor dem Walken ;)

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