Ferdinand von Schirach, Strafe

Schlicht und klar im Layout, eindringlich in der Wirkung, das sind die Signale, die das Cover des neuen Erzählbandes „Strafe“ von Ferdinand von Schirach vermittelt.

Wie schon auf dem Cover des Novellenbandes „Carl Tohrberg“ die schwarze Silhouette eines einzelnen Menschen, allein „auf weiter Flur“.

Allein, unverstanden, ungeliebt fühlen sich auch sämtliche Protagonisten dieser Stories, denen „Unbegreifliches“ geschieht oder die „unerhörte“, unbegreifliche Verbrechen begehen, für Außenstehende kaum oder gar nicht nachvollziehbar.

Katharina, die Protagonistin der ersten Story, ist Schöffin wider Willen. Sie hat alles unternommen, diese Aufgabe nicht übernehmen zu müssen. Sie fühlt sich ihr einfach nicht gewachsen. Doch ohne Erfolg. In ihrem ersten Fall geht es um die Anklage gegen einen Ehemann, der seine Frau permanent gedemütigt und misshandelt haben soll:

„‚Wissen Sie, wenn er trinkt, ist er nicht mehr er selbst‘, sagte die Frau. Er sei ein guter Mann, aber das Trinken habe ihn verdorben. … Sie habe es ihm schön machen wollen, sagte sie ein schönes Leben, sie habe für ihn dasein wollen.“

Katharina versteht die Frau:
„Katharina sah die Frau an und die Frau sah Katharina an. Katharina begann zu weinen. Sie weinte, weil die Geschichte der Zeugin ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mehr.“

Der Verteidiger des Angeklagten stellt einen Befangenheitsantrag, dem stattgegeben wird. „Der Haftbefehl gegen den Angeklagten wurde aufgehoben, er wurde entlassen. Vier Monate später schlug er den Kopf seiner Frau mit einem Hammer ein.“ Katharinas erneuter Antrag auf Entlassung aus dem Ehrenamt wird abgelehnt.

Man bleibt als Leser – nicht nur dieser Story- fassungs- und sprachlos zurück. Wie kann das sein? Wie kann ein Gericht dafür kein Verständnis haben?

Nein, kann es nicht, weil die Innensicht eines Menschen offensichtlich nicht von Interesse ist. Und das Ausblenden dieser Innensicht führt zu anderen Urteilen, zu Be- und Verurteilungen.

Die inneren Beweggründe für Handlungen, ja auch für zu verurteilende Verbrechen zu verdeutlichen, den Menschen in den Focus zu rücken, nicht seine Taten, seine Handlungen, das ermöglichen die Stories und führen zu Perspektivwechseln, ja vielleicht sogar zu Empathie mit Mördern, die da als Mensch hinter ihren Taten sichtbar werden. Die Frage, wer der Gute, der Böse ist, ist nicht immer eindeutig.

Schlicht und klar erzählt sind alle Stories. Nicht Überflüssiges ist da zu lesen. Das ermöglicht Konzentration auf die Essenz jeder einzelnen menschlichen Tragödie und eröffnet gleichzeitig Freiräume, in denen der Leser mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt sein kann, wenn er mag. Denn: Wie immer sind die Stories schnell gelesen, nisten sich aber langlebig und tiefenwirksam in den Gedanken ein und beschäftigen weiter: leise, zart, intensiv und langanhaltend.

Diese lesenswerten Stories enden mit einer – wahrscheinlich biografischen – Anmerkung:

„Nach den 20 Jahren als Strafverteidiger blieb nur ein Karton übrig, Kleinigkeiten, ein grüner Füllfederhalter, der nicht mehr gut schreibt, ein Zigarettenetui, das mir ein Mandant geschenkt hatte, ein paar Fotos und Briefe. Ich dachte, ein neues Leben wäre leichter, aber es wurde nie leichter. Es ist ganz gleich, ob wir Apotheker oder Tischler oder Schriftsteller sind. Die Regeln sind immer ein wenig anders, aber die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit und alles andere auch.“

Ferdinand von Schirach, Strafe, Stories, Luchterhand Verlag, München 2018, 189 S., ISBN 987-3-630-87538-5

Datum: 5. April 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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Ein Kommentar

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