Jan Ilhan Kizilhan mit Alexandra Cavelius, Nachtfahrt der Seele


Im Untertitel heißt es nicht wie in einem Grimmschen Märchen, Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen, sondern: Von einem der auszog, das Licht zu suchen.

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan ist zweifach promovierter Psychotherapeut und spezialisiert auf die Behandlung traumatisierter IS- und Kriegsopfer. Er versucht, ihnen eine Rückkehr in ein Leben nach ihrer Traumatisierung zu ermöglichen. Geduldiges Abwarten, ob und wann sich ihm gegenüber jemand öffnet, um über das Unfassbare, Unerhörte zu sprechen, ist Teil seiner schwierigen Arbeit.

Irgendwann nagen immer häufiger Zweifel an ihm, ob er überhaupt helfen kann, ob er der richtige Therapeut ist, ob er das, was er erfährt, für sich selbst angemessen verarbeiten kann. Immer häufiger bemerkt er, dass er „nicht wirklich bei der Sache ist“, er fährt mit dem Auto nach Hause und weiß nicht wirklich, wie er dorthin gekommen ist. Er fühlt sich ausgebrannt, leer, auch überfordert, denn neben seiner aufreibenden Arbeit ist er auch noch Vater von vier Kindern und Ehemann.

Irgendwann trifft Kizilhan auf einen persischen Professor, der ihn mit anderen Therapieansätzen bekannt machen und ihn zu einer Reise in den Iran animieren will. Dort soll er eine Heilerin treffen.

Nach langem Sträuben macht er sich auf die Reise und besucht – meist in Gesellschaft der Heilerin Anaram – alte Kult- und Tempelstätten. Sie macht ihn auch mit den jeweiligen Religionen, ihren Besonderheiten bekannt und erzählt von den oft lang anhaltenden Verfolgungen, denen die Anhänger ausgesetzt waren.

Immer mehr wird deutlich: Es ist nicht nur eine Reise im Außen, Kizilhan ist den Schatten seiner eigenen Seele auf der Spur und merkt an sich selbst, welche Widerstände und Wachsamkeiten er aufgebaut hat, um seine eigenen seelischen Verletzungen zu verdrängen. Und er macht die Erfahrung, dass nur die Annahme der eigenen Schatten ins Licht führt.

„Nachtfahrt der Seele“ ist eine gut zu lesende Biografie des Autors, die gleichzeitig auch Einblick in eine für uns so weit entfernte Kultur gibt und in die noch viel stärker eingebundene Religiosität der Menschen, die traumatisiert zu uns flüchten. Sie brauchen Therapieformen, die ihre kulturellen Prägungen stärker berücksichtigen, da sie mit den eher analytisch ausgerichteten Therapieformen im Westen nicht so gut zu erreichen sind.

Ein interessantes, gut zu lesendes Buch, verständlich auch für interessierte Laien.

Jan Ilhan Kizilhan mit Alexandra Cavelius, Nachtfahrt der Seele, Von einem, der auszog, das Licht zu suchen, EuropaVerlag, Berlin 2018, 420 S., ISBN 978-3-95890-162-9

Datum: 22. Juni 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Kommentar abgeben