Thomas Stangl, Fremde Verwandtschaft

Dr. Harald Hiesl ist ein Wiener Architekt und auf dem Weg nach Afrika zu einem „Zukunftskongress“ an dem er teilnehmen und ein Projekt vorstellen soll. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und ab und zu ein Verhältnis mit einer Belgierin, die er manchmal auf Konferenzen trifft.

Als Leser begleitet man ihn auf seiner Reise. Doch es ist kein Reisebericht über Afrika, vielmehr eine Reise mit dem Protagonisten durch seine innere Gedankenwelt, über die er mal selbst in der Ich-Form erzählt und dann aus der distanzierteren Er-Perspektive.

Stangls Roman weist keine kontinuierliche, linear erzählte Handlung auf. Die Erzählweise ist recht assoziativ und additiv, gespickt mit vielen Klammeranmerkungen und -ergänzungen, zum Teil ausgelöst durch die Umgebung, in der sich der Architekt befindet, und die Menschen, mit denen er gerade tatsächlich zu tun hat oder in seiner Erinnerung zu tun hatte. Da haben dann auch seine Toten ihren ganz selbstverständlichen Platz, ebenso wie seine Phantasien und Halluzinationen, während seiner schlaflosen Nächte.

Entsprechend wechseln dann auch die Zeitebenen. Doch stets fühlt er sich irgendwie „außerhalb“ der Zeit, er ist ein Fremder, „aber bloß weil nichts Eigenes in mir war. Nicht nur in dieser Stadt und auf diesem Kontinent war ich fremd. Ich träumte von einer Begegnung in einem spiegelnden Fenster, im Fenster einer U-Bahn, im Sucherfenster einer Kamera, aber diese Begegnung war unmöglich weil an meinem Gesicht kein glaubhafter, kein wirklicher Zug war. Es konnte kein Bild entstehen. Die Zeichen entglitten. Ich war kein anderer als von dreißig Jahren, als Sechzehnjähriger, auch wenn ich es mir lange einbilden hatte wollen und zum Schein ein beinahe normales Leben führte. Man kann nur zum Schein ein normales Leben führen, arbeiten, denken, lieben, Kinder zeugen oder bekommen, seinen Platz zwischen Eltern und Kindern einnehmen (diesen sich langsam, fast unmerklich verschiebenden Platz). Ein einziger Gedanke, ein einziger Blick, ein einziger Fehler an der falschen Stelle des Spielfelds kann diesen Schein auflösen.“

Alles in der Welt um ihn herum kann Auslöser sein für diese andere, innere Welt. Er ist da und dann doch nicht wirklich, bewegt sich auf somnambule Art durch den fremden Kontient, ohne wirklichen Kontakt, scheinbar ohne Fähigkeit, mit Menschen in Resonanz zu kommen, sich „selbst blass, wie überbelichtet vorkommend“. Es kommt aber auch nicht das Gefühl auf, dass er in seiner inneren Welt zu Hause ist und mit sich selbst in Kontakt kommt. Diese Fremdheit und Weltverlorenheit beschreibt Thomas Stangl auf überzeugende Weise.

Der Roman ist eine lohnenswerte, aber keine leichte Lektüre. Die Gefahr ist recht groß, immer wieder mal abzuschweifen, gedankenverloren weiterzulesen, den Faden zu verlieren oder die gerade gelesene Ebene nicht mehr einordnen zu können. Es ist eine Herausforderung, weil man eben nicht durch eine lineare Handlung durch den Roman getragen wird.

Thomas Stangl, Fremde Verwandtschaften, Droschl Verlag, Graz-Wien 2018, 271 S., ISBN 978-3-99059-009-6

Datum: 11. Juni 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

2 Kommentare

  1. Sonja | Mittwoch, 13. Juni 2018 9:27
    1

    Das klingt interessant. Am meisten neugierig macht mich, wie er seine „Affäre“ beschreibt, wie alle damit zurechtkommen. Ob ich die von dir angesprochene Herausforderung annehme, weiß ich noch nicht. Eher: Ja.
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Mittwoch, 13. Juni 2018 9:34
    2

    Dann würdest du wahrscheinlich eher enttäuscht sein. Die eigentliche Affäre wird nicht wirklich beschrieben, es sind eher Gedankenfetzen an frühere Begegnungen, die diese Frau in ihm auslösen.
    Es ist ein sehr eigenwilliges Buch.

Kommentar abgeben