Szczepan Twardoch, Der Boxer

„Ein Buch wie ein Faustschlag“

ist auf der Coverrückseite zu lesen. Ja, an vielen Stellen ist der Roman ein Faustschlag in die Magengrube bzw. ins Gehirn. Es sind Schilderungen von Morden, die dem Schlachten von Tieren ähneln. Mehrfach wiederholt, setzen sie sich als Bilder im Gehirn fest, die man wieder vor Augen hat, sobald man als Leser den Beginn der Wiederholung bemerkt.

Der Roman spielt in der Warschauer Unterwelt der dreißiger Jahre. Jakub Shapiro, ein junger talentierter Boxer, und Kaplica, der Unterweltpate, sind die männlichen Protagonisten dieses Romans, in dem Frauen eine eher untergeordnete Rolle spielen als angepasste Dekoration ihrer Männer oder als Huren in dem von Ryfka geleiteten privaten Bordell.

Mit ihnen verfahren die Männer nach Gutdünken und auf unglaublich brutale Art und Weise, benutzen sie als Möglichkeit, ihren Frust und ihre Aggressionen über was auch immer abzubauen. Und keine von ihnen wehrt sich bzw. hat die Möglichkeit, sich zu wehren.

Es ist kein Roman, der eine lineare Handlung erzählt, sondern eher geleitet ist von den „Aufgaben“ des Unterweltpaten, der stets darum bemüht ist, seine Macht und Geldquellen zu erhalten. Spuren Menschen nicht nach seinen Vorstellungen, werden sie liquidiert. Jakub Shapiro wird zu seiner rechten Hand, übernimmt immer mehr Aufgaben und gerät zusehends in die Rolle des Paten, als diesem ein politischer Mord angehängt und er deswegen inhaftiert wird. Politisch motivierte Gegner aus der rechten Szene werden zunehmend zum Problem, dem Kaplica dann irgendwann nicht mehr gewachsen ist.

Erzählt wird der Roman aus der Erinnerung eines Mannes, dessen Vater von Jakub Shapiro getötet worden ist:

„Meinen Vater hat ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makkabäischen Kämpfers getötet. Jetzt steht er im Ring, es ist der letzte Kampf des Abends und die letzte runde dieses Kampfes, und ich schaue aus der ersten Reihe zu. Ich heiße Mojzesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und existiere nicht.“

Tja, schon auf der ersten Seite beginnt das Verwirr- oder Versteckspiel um die Identität es Ich-Erzählers. Denn das Wissen des Erzählers geht an vielen Stellen weit über das hinaus, was ein Ich-Erzähler aus seiner doch eher begrenzten Perspektive wissen kann. Erst ziemlich zum Schluss, aber auch nur bei genauem Lesen, wird die Identität des Erzählers gelüftet. Der Leser wird gezwungen, sich über das Gelesene und die Bedeutung des Erzählten für den Erzähler noch einmal völlig andere Gedanken zu machen.

Ich persönlich habe da gestreikt. Mir war der Roman über weite Strecken zu brutal. Die Funktion der Gewaltszenen hat sich mir – auch im Verlauf des Romans – nicht wirklich erschlossen. Aber vielleicht ist der Roman ja auch ein Männer-Roman, allerdings mit einer frauenverachtenden Perspektive. Empfehlenswert? Meiner Meinung nach nicht.

Szczepan Twardoch, Der Boxer, a.d. Polnischen v. Olaf Kühl, Rowohlt Verlag, Berlin, 3. Aufl. 2018, 463 S., ISBN 978-3-731-008-3

Datum: 20. Juli 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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