Barbara Ehrenreich, Wollen wir ewig leben?

Barbara Ehrenreich ist studierte Physikerin und promovierte Biologin. Sie nimmt in diesem Buch die allseits bemerkbare „Wellness-Epidemie“ unter die Lupe, die die Gewissheit unseres Tode durch die Illusion von allgegenwärtiger und allmächtiger Kontrolle versucht auszublenden.

Die Autorin beginnt mit ihren eigenen Erfahrungen im Umgang mit dem Älterwerden und dem Fazit, welches sie für sich daraus gezogen hat, wohl wissend, dass sie damit gegen den „Strom ihrer speziellen demografischen Gruppe schwimmt“:

„Als ich erkannte, dass ich alt genug zum Sterben war, beschloss ich, dass ich auch alt genug war, um für ein längeres Leben nicht mehr Leiden, Verdruss und Langeweile auf mich zu nehmen. Ich esse gut, das heißt, ich wähle Nahrungsmittel aus, die gut schmecken und möglichst lange sättigen … . Ich treibe Sport – nicht weil ich deshalb länger leben werde, sondern weil es sich gut anfühlt. Was die Medizin betrifft, so gehe ich zum Arzt, wenn ich ein akutes Problem habe, lasse aber nicht mehr nach Problemen suchen, von denen ich nichts merke. Im Idealfall sollte die Entscheidung, wann man alt genug ist zum Sterben, eine persönliche Entscheidung sein, die auf der Abwägung wahrscheinlicher Vorteile, sofern es sie überhaupt gibt, von medizinischen Maßnahmen beruht und – ab einem bestimmten Alter genauso wichtig – einer Vorstellung, wie wir die Zeit verbringen wollen, die uns bleibt.“

In den folgenden Kapiteln „knöpft“ sie sich dann verschiedene Bereiche wie Medizin, Ernährung, Sport, den der Wellness- und Kuschelindustrie mit ihren jeweiligen Heilsversprechen und unterschwelligen Drohungen vor, was passiert, wenn man sich dem Ganzen entzieht und einfach akzeptiert, dass Älterwerden zum Leben dazugehört.

„Aus persönlichen Erfahrungen kann ich hinzufügen, dass älter werden mit einer erfrischenden Gleichgültigkeit gegenüber allem einhergeht, was mit Strebsamkeit und dem Zwang zu tun hat, sich alle möglichen Verpflichtungen aufzuhalsen und jede Gelegenheit beim Schopf zu ergreifen.“

Immer dann, wenn sie von ihren persönlichen Erfahrungen spricht ist das Buch gut lesbar und verständlich. Die übrigen Ausführungen sind – entgegen der (humorvollen) Verheißungen, die zumindest bei mir das Cover ausgelöst hat – von einem sehr analytisch und wissenschaftlich Sprachduktus geprägt. Sicher nicht verwunderlich, wenn man in ihrer Danksagung liest, dass dieses Buch ihrem Doktorvater gewidmet ist, als eine Art „Wiedergutmachung“, wegen ihres Absprungs, „um Schriftstellerin und Aktivistin zu werden.“

Ich habe mich zudem schon beim Lesen gefragt, wer mögliche Adressaten dieses Buches sein könnten. „Gesundheitsfanatiker“ werden sicher nicht zu diesem Buch greifen. Eher kritische Geister brauchen – aus meiner Sicht als interessierte Laiin – ein solches wohl Buch nicht, sie haben sich vermutlich schon eigene Gedanken gemacht und ihre Position gefunden.

Ob es den Ansprüchen eines Fachpublikums genügen kann, vermag ich nicht zu beurteilen. Insofern lässt mich das Buch in der Hinsicht ein wenig ratlos zurück, gleichwohl dankbar darüber, meinen eigenen Standpunkt vielleicht noch einmal konkreter zu formulieren und in eine Patientenverfügung einfließen zu lassen.

Barbara Ehrenreich, Wollen wir ewig leben? Die Wellness-Epedemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle, Kunstmann Verlag, München 2018, 253 S., ISBN 978-3-95614-234-5

Datum: 3. August 2018
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2 Kommentare

  1. seelenruhig | Freitag, 3. August 2018 5:12
    1

    Danke für den Einblick. Ich kann mir vorstellen, dass du die Essenz zusammengefasst hast. und mit der kann ich dennoch etwas anfangen. Der Ansatz ist irgendwie klasse!
    Danke dafür!!
    Hab ein gutes Wochenende. lieben Gruß von Ellen

  2. mona lisa | Freitag, 3. August 2018 6:04
    2

    Der Ansatz ist auf jeden Fall überlegenswert. Ich finde es nur schade, wenn Wissenschaftler so wenig adressatenbezogen schreiben. Aber das ist natürlich auch sehr subjektiv.
    Wünsche dir ebenfalls ein entspanntes, erholsames Wochenende.

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