Pierre Bost, Ein Sonntag auf dem Lande

“Wenn Monsieur Ladmiral über das Älterwerden klagte, saht er seinem Gesprächspartner ins Gesicht und schlug einen provozierenden Ton an, der nach Widerspruch zu verlangen schien. Wer ihn schlecht kannte, täuschte sich leicht und antwortete, wie man es zu tun pflegt, höflich, dass sich Monsieur Ladmiral etwas einrede, er immer noch putzmunter sei und alle anderen überleben werde.”

Schon die ersten Sätze machen deutlich, dass nicht einfach ein mehr oder weniger harmonischer, idyllischer “Sonntag auf dem Lande” beschrieben wird. Sonntags erwartet Monsieur Ladmiral, ein in die Jahre gekommener verwitweter Portraitmaler, seinen Sohn Gonzargue. Der kommt “treu und brav jeden Sonntag … mit seiner Frau und den drei Kindern. Und immer mit dem Zug um zehn Uhr fünfzig, wie heute Morgen.”

Es ist ein Sonntag auf dem Lande, der viele Untiefen und “Fettnäpfchen” für die daran Beteiligen bereithält, denn der Besuch ist nahezu bis ins Letze ritualisiert. Nur die Kinder fallen regelmäßig aus den ihnen zugedachten Rollen und bringen ihre Eltern in die Bredouille, die sehr darum bemüht sind, den alten Herrn nicht zu vergraulen. Gonzargue macht einen außerordentlich angepassten, ja ergebenen Eindruck, sichtbar bis in seine äußere Erscheinung:

“Gonzargue trug Bart, einen dünnen schwarzen Vollbart. Monsieur Ladmiral, der sein ganzes Leben Bart getragen hatte, mochte den seines Sohnes nicht. In seinem Alter war das lächerlich, niemand trug heute mehr Bart. Wen wollte er damit nachäffen? Monsieur Ladmiral wusste das wohl. Und warum gab er sich eine falsche Künstlerattitüde, wo er doch … nun ja.”

Die Liebe und Wertschätzung seines Vaters erhält Gonzargue dennoch nicht.

In die schläfrige Mittagspause platzt dann Irène, die Tochter des Malers, und wirbelt mit ihrer Präsenz und Unangepasstheit alles und alle durcheinander und zieht damit die gesamte Aufmerksamkeit auf sich, besonders die ihrer beiden Neffen, die ihre Tante aufregend und außergewöhnlich finden. Sie lebt unverheiratet, ist modisch gekleidet und geschminkt, arbeitet und ist dementsprechend finanziell unabhängig. Die beiden Jungen hätten sie gern als Mutter, weil sie nicht so langeilig ist wie diese.

Gonzargue und seine Frau sind quasi “abgemeldet”. Schnell wird deutlich, dass die beiden Geschwister Gonzargue und Irène um die Aufmerksamkeit des Vaters konkurrieren, der eindeutig seine Tochter bevorzugt, obschon diese frühzeitig und ohne seinen “Segen” nach dem Tod der Mutter eine eigene Wohnung bezogen hat.

“Irène hatte damals sehr wohl verstanden und durchschaut, dass sie, falls sie weiter mit ihrem Vater zusammenlebte, seine Sklavin werden würde.” Für ihn bedeutete es “zum zweiten Mal Witwer zu werden. … Da sie ihn verließ, durfte er sich, wenn er sie ein wenig behalten wollte, nicht beklagen. So weise war er und wurde dafür belohnt. Irène blieb für ihn die die aufmerksamste aller Töchter.”

So überraschend sie gekommen ist, so fluchtartig fährt sie nach einem Anruf auch wieder ab. Der Sohn bleibt mit seiner Familie länger als geplant und auch gewollt, um den Vater über den so plötzlichen Aufbruch der Tochter hinwegzutrösten. Der beantwortet am nächsten Tag die Frage eines Dorfbewohners, ob er eine schönen Sonntag gehabt habe, so:

“‘Einen vortrefflichen”, sagte Monsieur Ladmiral, ganz fröhlich.
‘Hatten Sie Besuch von der Familie?’
‘Ja’, sagte Monsieur Ladmiral, ‘von meiner Tochter.'”

Das ist der letzte Satz des irgendwie schon amüsanten, gut zu lesenden Romans, der dann gleichzeitig auch traurig und wütend machen kann, ob der Ungerechtigkeit, die in der Zuwendung des alten Malers liegen. Der Sohn kann tun und lassen, was er will, er scheint nicht zu genügen und der Liebe nicht wert zu sein.

Die Tochter, die nur “alles sieben Pfingsten” kommt, kann sich alles herausnehmen, weil der Vater Angst hat, dass sie für immer wegbleiben könnte. Der Aufmerksamkeit seines Sohnes scheint er sich sicher. Sie ist offensichtlich selbstverständlich, nicht der Rede wert, also auch nicht wertzuschätzen.

Pierre Bost, Ein Sonntag auf dem Lande, Roman, a.d. Franz. übersetzt u. mit einem Nachwort versehen v. Rainer Moritz, Dörlemann Verlag, Zürich 2018, 158 S., ISBN 978-3-03820-061-1

Datum: 22. August 2018
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2 Kommentare

  1. Sonja | Mittwoch, 22. August 2018 9:13
    1

    Wie das passt!
    In meinen Herbstleseplan…Ich danke sehr!
    Herzlich
    Sonja

  2. mona lisa | Mittwoch, 22. August 2018 9:57
    2

    Immer wieder gern ;)
    Danke auch für die Rückmeldung.
    Liebe Grüße

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