Lina Muzur (Hrsg.), Sagte sie, 17 Erzählungen über Sex und Macht

In den meisten Erzählungen wird direkt oder indirekt Sexualität als Machtinstrument thematisiert, das vom „Boss“ (Erzählung von Anna Prizkau) ausgeübt wird und die damit verbundene Angst vor der Gewalt der Männer, die Frauen bis in den Schlaf begleitet, so in der Erzählung „Dickicht“ von Julia Wolf.

Doch auch Frauen und sogar schon Grundschülerinnen nutzen ihre (sexuelle) Macht als Instrument, Männer anzumachen oder Julian, Grundschüler einer 2. Klasse, zu quälen, indem sie ihn zwingen, sich auszuziehen und ihn dann, gefesselt mit einem Springseil, verprügeln. Scham verhindert, dass er sich auf direkte Weise seiner Mutter anvertraut. So erfindet er eine Geschichte, die er im Fernsehen von einer weit entfernten Schule gesehen hat.

Es sind Geschichten die unter die Haut gehen, Fragen aufkommen lassen, wenn man etwa liest:

„Es gibt Momente, da liebe ich es, von Männern angesehen zu werden, denn Männer haben Macht. Sie reden über Sachen, sie entscheiden Sachen, die gehen mit Schritten durch die Welt, die zum Ziel führen. Ich will auch so sein, also will ich von ihnen, von interessanten, mächtigen Männern, interessant gefunden werden, und das Wissen darüber gibt es gratis, sozusagen mit der Muttermilch.“

Welch ein Verhalten zieht solche eine Haltung nach sich?
„Ich mache, was man von mir will, auch wenn ich es nicht will. Denn die Zufriedenheit darüber, dass ich keine Probleme mache, ist, was es für mich als Belohnung zu essen gibt und schon immer zu essen gab.Das Bewusstsein darüber bringt mir nichts, oder nicht besonders viel, denn es ist anstrengend, das alte Tier mit den wunden Lefzen zu besiegen. Dieses Teir hat großen Hunger. wenn ich gefalle, kriegt es zu fressen, also gefalle ich.“

Frauen sind also nicht immer und durchgängig nur „Opfer“, sondern Teil dieses Machtspiels, mit breit gefächerten sozialen, physischen und psychischen Folgen. Mich haben viele dieser Erzählungen nicht nur nachdenklich, sondern auch traurig gemacht. Die Frage warum Menschen allgemein, nicht nur Männer und Frauen, so miteinander umgehen, kann ich mir nicht beantworten. Ja, ich weiß die Welt ist so. Doch: Eine Welt, in der nicht Herrschaft, sondern (Liebes-) Macht vorherrschte, wäre sicher für alle ein liebenswerterer Ort, in der Sexualität Ausdruck von Liebe sein könnte und nicht die von Herrschaft.

Es ist ein wichtiges Buch, ein literarischer Beitrag hinsichtlich der „me too“ Debatte, das zum Teil echt „unter die Haut oder an die Nieren geht“, und gerade deswegen lesenswert ist.

Lina Muzur (Hrsg.), Sagte sie 17 Erzählungen über Sex und Macht, Hanser Berlin 2018, 222 S., ISBN 978-3-446-26074-0

Datum: 5. September 2018
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2 Kommentare

  1. Sonja | Mittwoch, 5. September 2018 8:14
    1

    Nein, momentan will ich das Buch nicht lesen, ich könnte ihm nur eine „gewaltige“ Geschichte hinzufügen. Aber nein.
    Deine vorletzten Sätze über die Welt, wie sie sein könnte, würde ich mir in Stein meißeln…
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Mittwoch, 5. September 2018 8:27
    2

    Ja, leider ist die Welt voll „gewaltiger“ Geschichten –
    Ich frage mich immer wieder:
    Wem nützt diese Gewalt?
    Was macht sie aus/ mit den Menschen?
    Sie sind und werden dadurch doch nicht glücklicher!?

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