1. November

An allen Feiertagen strahlt das WDR die Sendung „Liegen bleiben“ aus. Ich freue mich nach jeder Sendung bereits auf die nächste!
Die heutige Sendung war Erich Fried gewidmet, der vor dreißig Jahren verstorben ist.

Ich kann mich noch glücklich schätzen, ihn auf einer Lesung – ich meine in Marburg – erlebt haben zu können. Ich mag seine Gedichte wegen der Knappheit und Klarheit im Ausdruck, auf kleinstem Sprach-Raum Platz zu schaffen für ein eigenes Phansatie- und Assoziationsuniversum. Er hat viel von den Herausforderungen der Liebe, in der Liebe, durch die Liebe geschrieben. Viele dieser Gedichte sind nicht weniger politisch als seine – immer noch oder leider schon wieder – hochaktuellen politischen Gedichte.

Mit sinniger, zu den Gedichten passender Musik werden fünfundzwanzig seiner Gedichte von verschiedenen SprecherInnen vorgetragen. Ein nachhörenswertes Erlebnis, dank der Möglichkeit die Sendung im Internet nachzuhören.

Traurig sein ist vielleicht das zum heutigen oder morgigen Tage passendste Gedicht:

Traurigsein
heißt nicht gut ausatmen können
und nicht spüren wie etwas schmeckt
außer Traurigsein

Traurigsein
heißt vielleicht mehr bemerken
von dem was traurig ist
als vor dem Traurigsein

Traurigsein
heißt nicht Traurigseinwollen
und nicht Unglücklichseinwollen
und auch nicht Glücklichseinwollen

Traurigsein
heißt überhaupt nichts wollen
und auch nichts nichtwollen
Es heißt nur Traurigsein

(Erich Fried, Werke Gedichte 2, Wagenbach Verlag, Berlin 1998, S. 669)

Wobei seine Gedanken über das „Traurigsein“ sicher nicht an den Verlust eines bestimmten Menschen geknüpft sind, sondern eher Ausdruck einer existenziellen Form des Menschsein.

Werde mal wieder in die Gesamtausgabe schauen und sicher fündig werden.

Datum: 1. November 2018
Themengebiet: Aufgelesen, Gedichte, Rezensionen, Rezensionen (diverse) Trackback: Trackback-URL
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2 Kommentare

  1. Quer | Donnerstag, 1. November 2018 17:33
    1

    Oh, wie schön! Ich danke dir herzlich für diesen Post und das wunderbare Gedicht Frieds über das Traurigsein.
    Auch ich mag den Dichter und finde viele seiner Texte grossartig. In ganz einfachen Worten konnte er grosse Emotionen authentisch und wirksam in Gedichte verpacken.
    Dir einen schönen Feiertagabend und lieben Gruss,
    Brigitte

  2. mona lisa | Freitag, 2. November 2018 9:15
    2

    Schön, wenn ich dir damit eine Freude machen konnte.
    Dir einen friedlichen Freitag!
    Herzliche Grüße

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