Volker Kutscher, Marlow

Juhu! Der 7. Rath-Roman ist da. Spannend und interessant wie auch seine Vorgänger, gut geeignet für trübe Novemberabende oder -wochenenden.

Mittlerweile ist Hitler an der Macht. Die politischen Veränderungen und die damit verbundenen Konsequenzen sind auch für Gereon Rath seine Frau Charly und den Pflegesohn Fritz spürbar.
Gereon hat es zunächst mit einem scheinbar einfachen Verkehrsunfall zu tun und ist äußerst missmutig, überhaupt zu diesem Fall herangezogen worden zu sein, weil unter seinem Niveau als Oberkommissar, der er inzwischen geworden ist. Doch Zeugenaussagen über den Hergang des Verkehrsunfalles, als geheim eingestufte Dokumente in der Aktentasche des einen Unfallopfers, der mit falscher Identität unterwegs ist, sowie das Ergebnis der pathologischen Untersuchung des Unfallfahrers, eines Taxifahrers, lassen Gereon stutzig werden. Er macht den Fall zu seinem und gerät dabei in arge Bedrängnis, denn zu viele, einander sich widersprechende Interesse der im Hintergrund Beteiligten, spielen eine Rolle.
Dieser Fall wird um so komplizierter, als auch sein ehemaliger Chef sich für diesen Fall interessiert, weil er Parallelen zu einem früheren, von ihm nicht aufgeklärten Fall sieht und Gereon um die alten Akten bittet. Die kann dieser ihm nur im Geheimen zukommen lassen, da Böhm nicht mehr bei der Kriminalpolizei und Gereon mittlerweile beim Landeskriminalamt arbeitet und daher offiziell keinen Zugang mehr zu den Akten hat. Der Verkehrsunfall ist zudem als aufgeklärt ad acta gelegt worden.

Charly darf nicht mehr als Anwältin arbeiten, weil es Frauen inzwischen untersagt ist, als Anwältinnen tätig zu sein. Also arbeitet sie als Anwaltsgehilfin in der Kanzlei ihres Freundes und nebenbei als Detektivin für ihren früheren Chef Böhm. Sie gerät bei einigen ihrer Fälle aber an ihre moralischen Grenzen, etwa, wenn sie für einen eifersüchtigen Ehemann die Ehefrau observieren muss, hinter ihr besonderes Geheimnis kommt und genau weiß, was passiert, wenn sie dies ihrem Auftraggeber mitteilt.

Natürlich bekommt Charly aufgrund ihres Spürsinns mit, dass Gereon wieder mal auf eigene Faust ermittelt, ohne sie einzubeziehen. Bisher immer die beste Garantie dafür, dass ihr Spürsinn angestachelt wird und sie ebenfalls zu ermitteln beginnt. Der Fall ist dieses Mal allerdings sehr besonders, da er sie selbst als Person involviert, als Tochter des Gefängniswärters, der bei einer Gasexplosion ums Leben gekommen ist, bei der Marlow seine Finger im Spiel hatte. Ihre damalige Aussage steht in einer der Akten.

Charlys Berufstätigkeit und die damit verbundene Abwesenheit sind Fräulein Peters, einer Mitarbeiterin des Jugendamtes, die mehrfach unangemeldet bei den Raths auftaucht, ein Dorn im Auge. Die deutsche Hausfrau hat sich der Naziideologie entsprechend nur um Mann und Sohn zu kümmern, zu kochen etc. und nicht rotweintrinkend verbotene Romane zu lesen. Da spielt es letztendlich auch keine Rolle mehr, dass Fritz, der Pflegesohn als strammer, begeisterter Hitleranhänger zum Nürnberger Reichsparteitag marschiert. In einem solchen Umfeld – Gereon wird inzwischen als politisch unzuverlässiger Volksgenosse, als verkrachte Existenz eingestuft – könne Fritz nicht länger bleiben. Er kommt in die Familie seines Vorgesetzten in der Hitlerjugend, der indirekt auch für die Besuche des Jugendamtes gesorgt hat und das mit Erfolg:

„Fritze folgte der Jugendamtsfrau und den beiden Schupos zur Treppe. Als er sich noch einmal umdrehte, sah er, dass Charly tatsächliche Tränen in den Augen hatte. So hatte er sie noch nie gesehen. Und auch ihm selber wollte das Wasser emporsteigen, doch er nahm seine ganze Kraft zusammen, dacht an die Dinge, die er alle schon durchgestanden hatte, dachte an den harten Jungen, der er doch werden wollte, der er auch werden könnte, dachte an die Zukunft, die nur darauf wartete, dass er sie eroberte, und vor allem dachte er an den Satz, der ihm immer schon geholfen hatte, wenn er Gefahr lief, weich zu werden:
Ein deutscher Junge weint nicht!“

Der Romantitel „Marlow“ zeigt die permanente, meist aber unsichtbare Anwesenheit und Strippenzieherei des Gangsters, der auf „legale“ Weise mit den Nazis Geschäfte machen will und deshalb dafür sorgt, Ehrenmitglied in der SS zu werden. So erfährt er rechtzeitig, wenn jüdische Geschäftsleute Deutschland verlassen und ihre Immobilien verkaufen „wollen“. Dass er einen chinesischen Fahrer hat, ist mit der Naziideologie nicht zu vereinbaren, doch offensichtlich – wenn auch zähneknirschend – noch geduldet. Wer Marlows Fahrer und wer Marlow selbst ist, der eigentlich ganz anders heißt, das erfährt der Leser im Verlauf des Romans.

Der Roman ist eine spannende, unterhaltsame, äußerst komplex und verschachtelte, dennoch nicht unübersichtliche Lektüre, die bereits Vorfreude auf den nächsten Rath-Roman macht und Spekulationen freien Lauf lässt, was mit den Raths und Fritze in der Zwischenzeit passiert.

Volker Kutscher, Marlow, Der siebte Rath-Roman, Piper, München 2018, 522 S., ISBN 978-3-492-05594-9

Datum: 19. November 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Fotos, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
Feed zum Beitrag: RSS 2.0

Kommentar abgeben