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Von Rainer Maria Rilke gibt es eine Geschichte aus der Zeit seines ersten Pariser Aufenthaltes:

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort:

„Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“

Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen. Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon. Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Frau ein Almosen gebe.

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie zuvor, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

Datum: 11. November 2018
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4 Kommentare

  1. Quer | Sonntag, 11. November 2018 11:12
    1

    Sehr poetisch und schön.
    Allerdings können nur Dichter wir Rilke glauben, man könne von Luft, Liebe und Poesie leben.
    Das Leben geht eben doch nach Brot …
    Aber die Illusionen (die Rose als Stütze wie bei Hilde Domin) brauchen wir natürlich genauso, da hat er schon recht.
    Es lebe die Rose!
    Herzlichen Gruss in den Sonntag,
    Brigitte

  2. mona lisa | Sonntag, 11. November 2018 12:46
    2

    Ich bin mir nicht sicher, dass diese Geschichte so ausgelegt werden muss. Für mich zeigt sie die Not-wendigkeit von Schönheit fürs Überleben, an der man sich in der Not (welcher Facette auch immer) orientieren kann.
    Dir einen poetischen Novembersonntag

  3. Nordic | Sonntag, 11. November 2018 13:20
    3

    Rose und Rilke, da kann an diesem Sonntag nicht mehr viel schief gehen. Danke für die schöne Geschichte. Ich wünsche einen schönen Sonntag.

  4. mona lisa | Sonntag, 11. November 2018 22:03
    4

    Nee, ist auch nicht ;)
    Liebe Grüße

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