Iwan Turgenjew, Das Adelsgut

„Das Adelsgut“ liegt in einer Neuübersetzung im Manesse Verlag vor, im typischen Kleinformat, fein gestaltet mit Lesebändchen und farbig abgestimmter Bindung, die ab und zu zwischen den Seiten „aufblitzt“. Ich liebe diese kleinformatigen Romanausgaben, passen sie doch in jede Handtasche.

Fjodor Lawrezki kehrt nach Jahren im Ausland in seine russische Heimat zurück – ohne seine Ehefrau und ihr gemeinsames Kind. Er will das Gut seiner Eltern übernehmen, bewirtschaften und – vom Leben enttäuscht – zurückgezogen leben. Über das, was er im Ausland erlebt hat spricht er nicht. Der auktoriale Erzähler allerdings klärt den Leser darüber und auch über die schwierige Kindheit Fjodors auf. Er verspricht sich davon, dass der Leser das Verhalten Fjodors dann besser verstehen kann.

Lawrezki lernt auf dem nahegelegenen Landgut seiner Cousine deren Tochter Lisa kennen und verliebt sich in sich, wehrt sich jedoch anfänglich dagegen, da er glaubt zu alt für sie zu sein:

„Lawrezki war kein junger Mann mehr und brachte es nicht fertig, sich lange etwas über das Gefühl vorzumachen, das Lisa in ihm weckte. Dieser Tag hatte seine letzten Zweifel ausgeräumt: Er liebte sie. Freude brachte ihm dieses Wissen kaum. ‚Habe ich mit fünfunddreißig Jahren‘, so dachte er, ‚wirklich nichts Besseres zu tun, als meine Seele erneut in die Hände einer Frau zu legen?'“Die Tatsache, dass er noch verheiratet ist macht ein „happy end“ undenkbar.

Zudem hat seine Cousine Marja Dmitrijewna für Lisa Panschin als Zukünftigen ausgewählt, einen Regierungsbeamten. Der versteht sich auch als Künstler und Unterhalter und ist nahezu täglich anwesend:
„Er tanzte wie ein Gott und kleidete sich wie ein Engländer. Schon nach kurzer Zeit galt er als einer der reizendsten und cleversten jungen Herren von ganz Petersburg. … kurzum ein willkommener Zeitgenosse und charmant garçon.“

Aber Lisa liebt ihn nicht und ist von ihm als Mensch in seiner Oberflächlichkeit überhaupt nicht überzeugt. Sie würde ihn nur aus Respekt und Gehorsam ihrer Mutter gegenüber heiraten. Doch davon raten ihr einige, ihr zugewandte Menschen ab, sehr zum Unmut ihrer Mutter.

Als Lawrezki aus einer Zeitungsnotiz erfährt, dass seine Frau gestorben ist, scheint der Weg für ihn und Lisa frei zu sein, denn Lisa ist sich mittlerweile ebenfalls sicher, dass sie Fjodor liebt. Doch es wird keine Liebesgeschichte mit märchenhaftem Ausgang. Soviel sei noch verraten.

Neben stimmigen Naturbeschreibungen enthält der Roman wunderbar zu lesende, psychologisch stimmige Charakterisierungen der Personen, nicht nur der Hauptakteure und zeigt ein sich im Umbruch befindliches Russland, in dem viele geistige, politisch und künstlerisch kontroverse Ansichten im Widerstreit zueinander stehen. Der Landsitze Marja Dmitrijewnas mit ihren dort ein- und ausgehenden Personen ist wie ein Mikrokosmos der Gesellschaft.

Michail Schischkin skizziert in seinem Nachwort das (schriftstellerische) Leben Turgenjews und die biografischen Bezüge zum Ator, die sich auch in diesem Roman wiederfinden.

Iwan Turgenjew, Das Adelsgut, Roman, Manesse Verlag, München 2018, 379 S., ISBN 978-3-7175-2448-9

Datum: 11. Dezember 2018
Themengebiet: Buch-Rezensionen, Rezensionen Trackback: Trackback-URL
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