Katherine Mansfield, Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben


Es ist wieder eine dieser wunderbaren kleinformatigen Ausgaben aus dem Manesse Verlag, in sinnlichem Rot, schön anzusehen. Eine poetischen Einladung in die Welt der Katherine Mansfield.

Dieses tagebuchartig geführte Buch wird als „Vignetten eines Frauenlebens 1904-1922“ bezeichnet. Es enthält kurze Statements über ihren sehr wechselhaften Gemütszustand, über das, was ihr im Alltag passiert:

„21. Juni. Was ist heute mit mir los? Der Tag ist dünn und weiß wie Spitzenvorhänge, voll hässlicher Geräusche (wenn etwa jemand die Schubladen einer billigen Kommode herauszieht und versucht, sie wieder zuzustoßen). Alles Essen kommt mir pampig und schwer verdaulich vor – kein Getränk ist heiß genug. Man sieht scheußlich, scheußlich aus im Spiegel – kahlköpfig – aufgedunsen – und alle Kleider sind mir zu eng.“

Sie schreibt über Erlebnisse mit Menschen in ihrer Umgebung, über ihre Sehnsucht und ihren Liebeskummer:
„17. Februar. Ich bin traurig heute Nacht. Vielleicht ist es der einsame alte Wind. Und der Gedanke an dich im Geist reicht heute Abend einfach nicht aus. Ich will Dich bei mir haben. Ich muss ganz tief in mein Buch eintauchen, dann werde ich glücklich sein. Mich verlieren, mich verlieren, um Dich zu finden, Liebster. Oh, ich will, dass dieses Buch geschrieben wird. Es muss geschehen. Es muss gebunden, verpackt und nach Neuseeland spediert werden. Das ist mein unbändiger Wunsch. Es wird geschehen.“

„Später
Der Tisch war für zwei gedeckt. Ich speiste einer weißen Serviette gegenüber – gefaltet wie eine Hand mit gespreizten Fingern.“

Man findet Sätze, die man in Poesiealben schreiben könnte, gäbe es die noch:

„Glückliche Menschen sind niemals brillant. Dazu braucht es Reibung.“ K.M.

Seitenlange Erinnerungen an ihren verstorbenen Bruder, ihre beginnende und sie immer stärker beeinträchtigende Krankheit ihre Hochs und Tiefs in ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, Texte, die sich wie „Schreibübungen“ lesen, etwa wenn sie Geranien beschreibt, die „den Garten über ihren Kopf hinweg“ übernommen haben. Kurz, man hat die Möglichkeit, an ihrem Leben teilzunehmen, soweit sie den Leser teilnehmen lässt.

Wer Tagebücher liebt, sollte zu diesem Exemplar greifen. Es steckt voller (Alltags-) Poesie:

„Gott wie schön ist eine blaue Teekanne mit zwei weißen Tassen daneben, ein roter Apfel bei den Orangen fügt Feuer zur Flamme – in den weißen Bücherregalen tanzen die Bücher farbige Tonleitern auf und ab, mit wiederkehrenden rosa und lila Noten, bis nichts mehr bleibt als sie und ihr endloser Widerhall.“

Mir hat’s gefallen, muss auch nicht in einem Rutsch gelesen werden. Ab und an einige Seiten sind durchaus möglich. Man findet immer wieder zurück in die Welt der Katherine Mansfield.

Katherine Mansfield, Fliegen, Tanzen, Wirbeln, Beben. a. d. Engl. übersetzt v. Irma Wehrli, Nachwort v. Dörte Hansen, hrsg. v. Horst Lauinger, Manesse Verlag, München 2018, 382 S., ISBN 978-3-7175-2482-3

Datum: 20. Dezember 2018
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7 Kommentare

  1. seelenruhig | Donnerstag, 20. Dezember 2018 9:00
    1

    Klingt ehrlich, schonungslos, schutzlos…. schreib ich mir auf!

  2. seelenruhig | Donnerstag, 20. Dezember 2018 9:01
    2

    haaaaalt: die lieben Grüße!! die fehlten!

  3. Quer | Donnerstag, 20. Dezember 2018 19:17
    3

    Wieder ein schöner Buchtipp, danke!
    Und lieben Abendgruss,
    Brigitte

  4. Sonja | Donnerstag, 20. Dezember 2018 23:26
    4

    Scheint ziemlich für mich gemacht…
    DANKE.
    Gruß von Sonja

  5. mona lisa | Freitag, 21. Dezember 2018 7:58
    5

    Ja, es ist ein interessantes Tagebuch einer interessanten Persönlichkeit, schön aufgemacht, mit roter Fadenbindung, die ab und an beim Umblättern zwischen den Seiten aufblitzen und einem roten Lesebändchen. also in vielerlei Hinsicht ein Genuss – jedenfalls für mich ;)
    Habt alle einen möglichst entspannten Tag – vielleicht mit ein wenig Lesezeit zwischendurch.

  6. sylvia | Freitag, 21. Dezember 2018 17:03
    6

    oh darin lese ich auch gerade. und es gefällt mir auch sehr! das mag ich, wenn man immer ein wenig in einem buch schmökern kann, wie in einem kasten mit pralinés. natürlich ist auch ein laaaaaanger roman ab und an willkommen, aber…
    liebe grüße
    Sylvia

  7. mona lisa | Freitag, 21. Dezember 2018 17:53
    7

    Ja, die Mischung macht es ;)
    Und: Schmökern gefällt mir genauso gut wie das „Verschlingen“ von spannenden (Kriminal-) Romanen.

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