Rainer Moritz, Mein Vater, die Dinge und der Tod

Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, erinnert sich anhand von Gegenständen, die er mit seinem Vater in Verbindung bringt, nach dessen Tod an das Leben mit ihm als Vater.

Den Ausführungen, die er seiner Mutter gewidmet hat, stellt er folgendes Zitat von Gerhard Meier voran:
„So hat man über die Dinge immer auch Kontakt mit dem Dahingegangenen.“


Moritz beginnt seine Erinnerungen mit dem Anruf seiner Mutter:

„Rainer, Vati ist gestorben … Hat meine Mutter das so gesagt? Vermutlich, ein Ausdruck wie Vati ist eingeschlafen wäre ihr nicht in den Sinn gekommen. Das nüchterne, unpathetische Wort eher. Vati ist gestorben. … Eingeschlafen sei Vater, ganz friedlich. Zur Mittagsruhe sei er ins Bett gegangen, und sie habe sich gewundert über seinen lang anhaltenden Schlaf. Nicht mehr geatmet hat er, als sie nach dem Rechten sah. Der Hausarzt ist gleich gekommen und hat seinen Tod festgestellt. Sein Ende.“

Die Frage „Was bleibt?“ geht über in „Was bedeuten die über viele Jahre angehäuften Objekte ihren Besitzern? Machen sie den Menschen aus? Was sagen sie den Übriggebliebenen?“ Da sein Vater kein Tagebuch geschrieben hat, versucht sich Moritz anhand diverser Gegenstände diese Fragen zu beantworten. Schon die Suche nach dem passenden Grabstein wirft die Frage nach dem Wesen des Vaters auf, nach dem, was zu ihm gepasst hätte.

Das Ergebnis ist ein liebevoll kritisches Portrait seines Vaters und zugleich das ihrer Beziehung in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die siebziger. Die damals vorherrschenden Werte und Ideale finden sich auch in dieser Familie wieder, die Vorstellungen von rechtmäßiger Hierarchie, von Recht, Ordnung, Sauberkeit, die Wertschätzung deutscher Produkte, deutscher Wertarbeit, und die damit einhergehende Geringschätzung all dessen, was irgendwie fremd, ausländisch zu sein schien. Die klassische Rollenverteilung von Mann und Frau in der Ehe, verbunden mit entsprechender Aufgabenverteilung:

„In der Küche hatte Vater wenig verloren, seinen Fähigkeiten und seinem Rollenverständnis nach. Wenn er nicht eigens aufgefordert wurde, den Sack mit geriebenen Kartoffeln auszudrücken oder Geschirr abzutrocknen, hielt er sich von Herd, Spüle, und Backofen fern. Das war Mutters Reich, die Aufteilung klar geregelt. Allein der Toaster neben der Kaffeemaschine fiel in seinen Zuständigkeitsbereich – eine Aufgabe, die Vater bis zu seinem Tod erledigte und die in seinen Augen niemand so gut wie er erledigen konnte.“

Gleichzeitig entstehen mit den Erinnerungen an seinen Vater eigene Fragen:
„Wann werde ich wie Vater anfangen, das Neue und Gehypte zu ignorieren, so zu tun, als seien Netflix, US-Serien oder Instagram problemlos zu vernachlässigen? Sind das die ersten Schritte, sich aus dem tätigen Leben zurückzuziehen? Bis ins hohe Alter aktiv bleiben – so lauten die Formeln der Gesundheitsindustrie. Vater konnte sich daran nicht halten. Er lebte in einer Wohnung, die wenig Neues – allenfalls mal eine Leselampe – benötigte, wo alles an seinem Platz war, wo die Dinge des Lebens sich behaupteten gegen alles, was sich draußen in der Welt tat.“

Für Rainer Moritz sind Wohnungen „Horte der Erinnerung. Sobald die Geschwindigkeit des Alltags für einen Moment abnimmt und wir die Dinge um uns herum nicht nur im Vorbeieilen erfassen, sprechen sie mit uns.“ Er hat sich offensichtlich die Zeit genommen, die Dinge seines Vater zu sich sprechen zu lassen. Sein Fazit:

„Ich bin froh, dass Vater war, wie er war, gleichgültig, wie oft ich mit gewünscht habe, er wäre nicht so gewesen, wie er war.“
Ich habe beim Lesen oft schmunzeln müssen, habe ich doch Sätze, Begriffe gelesen, die auch bei mir zu Hause üblich waren, die Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend haben wach werden lassen; konnte mir die Bedingtheit und Bedeutung sozialer „Überwachung“ in den Nachkriegszeiten vor Augen führen, die damaligen Erziehungsmethoden und -ziele, und dann ähnlich liebe- und friedvoll loslassen.

Rainer Moritz, Mein Vater, die Dinge und der Tod. Antje Kunstmann Verlag, München 2018, 190 S., ISBN 978-3-95614-257-4

Datum: 4. Dezember 2018
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2 Kommentare

  1. sylvia | Donnerstag, 6. Dezember 2018 17:53
    1

    auch dieses buch klingt sehr interessant. die dinge. die dinge, die zurück bleiben. vor allem dann, wenn eine wohnung aufgelöst werden muss, weil derdie bewohner(in) des gehäuses es nie mehr aufsuchen wird. alles liegt so nackt und bloß herum, der aufmerksamkeit seiner besitzer entzogen. und die, die damit umgehen müssen – heulen oder lachen auch bisweilen. weh tuts immer.

    danke für deine wunderbaren buchtipps!

    herzlicher gruß
    Sylvia

  2. mona lisa | Donnerstag, 6. Dezember 2018 18:59
    2

    Das ist es wirklich – in vielerlei Hinsicht
    leise, unaufdringlich, aber nachhaltig wirksam.
    Liebe Abendgrüße

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