Jens Andersen, Astrid Lindgren. Ihr Leben


Astrid Lindgrens Bücher habe ich erst kennengelernt, als meine Kinder klein waren. Als Kind bin ich diesen Büchern nicht begegnet. Heute ahne ich auch warum!

Ich war keine Spiele- aber eine Vorlesemutter. Abends vor dem Schlafengehen lag immer ein Buch bereit, aus dem ich dann vorgelesen habe, erst einem, dann zwei und dann drei söhnen. Eine für alle passende Lektüre zu finden, war dann gar nicht so einfach. Allen aber haben die Romane von Astrid Lindgren gefallen: die Michel Bücher, Karlsson vom Dach, Ronja Räubertocher …

Wie oft habe ich dann später, wenn ich sie aufforderte, etwas Bestimmtes zu tun, etwa aufzuräumen, gehört: Das stört doch keinen großen Geist!

Nun liegt – 17 Jahre nach dem Tod Astrid Lindgrens, gestorben 94jährig, am 28.9.2012 – die äußerst lesenswerte Biografie von Jens Andersen vor. Man hat die intensive Möglichkeit, Astrid Lindgren in ihrem (literarischen) Leben zu begleiten.

Zunächst sah es lange nicht danach aus, dass sie ein derart erfolgreiches schriftstellerisches Leben führen würde, obschon bereits in der Schule ihr erzählerisches Talent und ihr Freigeist aufgefallen waren. Als Jugendliche beginnt sie männliche Kleidung zu tragen.

“Lange Hosen, Jackett, und Krawatte hatten in ihre Garderobe Einzug gehalten, außerdem Hut und Schlägermütze, die tief über den Kurzhaarschnitt gezogen wurde. …Eine junge Frau dieser Zeit wollte nicht aussehen wie ihre Mutter oder ihre Großmutter. Sie verzichtete auf das Korsett und die langen schweren Kleider und trug stattdessen funktionale Kleidung, in der sie sich freier und ungezwungener bewegen konnte. Zusammen mit der La-Garçonne-Frisur sollte die Kleidung zum Ausdruck bringen, dass Frauen dem Geschlecht ähnlich sehen wollten, mit dem sie sich mehr denn je in der Geschichte zu messen wagten.”

Nach dem Ende der Schulzeit arbeitete sie bei einer Zeitung und verdiente ihr eigenes Geld. Sie musste diese Anstellung dann allerdings aufgeben, weil sie von Reinhold Blomberg, dem Besitzer der Zeitung, ungewollt schwanger geworden war, ein Skandal zur damaligen Zeit, zumal Blomberg verheiratet war. Astrid Lindgren verließ ihre Heimat und zog in die Hauptstadt Stockholm, brachte ihren Sohn Lasse dann aber in Kopenhagen zur Welt, weil sie nur dort den Namen des Vaters geheimhalten konnte. Dieser war gerade in einen langanhaltenden Scheidungskrieg mit seiner zweiten Frau verwickelt.

Reinhold Blombergs spätere Angebote, sie zu heiraten hat Astrid nie angenommen. Er hatte ihr zu konservative Vorstellungen von Frauen und deren Rolle in der Ehe. Sie schlug schlug sich allein mir ihrer Arbeit durch und besuchte so oft wie möglich ihren Sohn bei dessen Pflegefamilie. Später lernt sie dann Sture Lindgren kennen und heiratet ihn am 4. April 1931. Lasse wohnt ab dem Zeitpunkt bei ihnen und der ein Jahr später geborenen Tochter Karin. Astrid ist überwiegend zu Hause, arbeitet aber dennoch wieder.

Und immer wieder ist ihre besondere bildhafte Erzähl- und Schreibweise gefragt, nebenbei notiert sie akribisch in ihren Tagebüchern die Entwicklung ihrer Kinder, ihre zum teil witzigen Anmerkungen und Aussprüche. Sie setzt sich mit eigenen philosophischen, pädagogische Fragestellungen, mit Themen wie Tod und Einsamkeit auseinander sowie mit denen anderer Autoren. Später dann hält sie auch die politischen Entwicklungen und ihre Gedanken dazu fest sowie die Auswirkungen des 2. Weltkrieges, die im neutralen Schweden allerdings nur sehr marginal zu spüren sind, zumal wenn man Eltern hat, die als Bauern immer wieder mit Lebensmitteln aushelfen können.

Über ihre Kinder, denen sie immer wieder Geschichten erzählt, beginnt sie dann so langsam ihren so erfolgreichen schriftstellerischen
Weg, an dem Jens Andersen den Leser mit vielen Zitaten Astrid Lindgrens, Auszügen aus ihren Tagebüchern, ihren vielen Briefwechseln teilnehmen lässt. Großen Raum nehmen auch die Rezeption in der schwedischen Öffentlichkeit ein, die Reaktionen namhafter Wissenschaftler und Literaten auf die Besonderheiten der Erzählkunst Astrid Lindgrens und ihrer Themen ein.

Denn sie nimmt in fast allen Romanen und Erzählungen die Perspektive der Kinder ein, kehrt ihr Innenleben nach außen und erzählt ihre Schwierigkeiten, sich im Leben der Erwachsenen mit den strengen Regeln und Moralvorstellungen, zurechtzufinden und zeichnet ihre kindlichen Vorstellungen und Wege auf, mit den Erwachsenen klar u kommen und das stimmt meit snicht mit den Vorstellungen der Erwachsenen überein. Wie könnte es auch !

Dabei spart Astrid Lindgren auch Themen wie Einsamkeit und die Konfrontation mit dem Tod, den dunklen Seiten des Lebens nicht aus. Sie hat nie Romane mit politisch oder pädagogischem Zeigefinger geschrieben, dennoch hat sie die (Kinder-) Welt mit der Einnahme einer konsequenten Kinderperspektive verändert.

Später dann hat sie sie auch aktiv und erfolgreich mit ihrer Popularität in die schwedische Politik eingemischt. Sie hatte ein bewegtes, ungewöhnliches Leben, weil sie konsequent ihren eigenen Weg gegangen ist.

Ein überaus lesenswertes Buch ist da entstanden. Mit einigen Längen, etwa wenn’s um literarische Aspekte ihrer Romane geht. Da gibt es dann auch inhaltliche Überschneidungen. Alles in allem aber. ein sehr aufschlussreiches Buch über eine bewundernswerte Frau.

Jens Andersen, Astrid Lindgren. Ihr leben. a.d. Dänischen v. Ulrich Sonnenberg, PantheonVerlag München 2018, 447 S., ISBN 978-3-570-55352-7

Datum: 28. Januar 2019
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4 Kommentare

  1. Quer | Mittwoch, 30. Januar 2019 6:53
    1

    Eine starke, eigenwillige Frau!
    Auch der Film über sie soll sehr beeindruckend sein. (Leider habe ich ihn verpasst, als er kurze Zeit hier in der Nähe lief…)
    Schönen Morgengruss,
    Brigitte

  2. mona lisa | Mittwoch, 30. Januar 2019 23:00
    2

    Danke für den Hinweis auf den Film. Werde mal Ausschau halten, ob er hier gespielt wird.
    Herzliche Gutenachtgrüße.

  3. Sonja | Mittwoch, 30. Januar 2019 9:06
    3

    Frauen wie sie….
    Dankeschön für die ausführliche Besprechung!
    Gruß von Sonja

  4. mona lisa | Mittwoch, 30. Januar 2019 23:04
    4

    Immer wieder gern;)
    Hätte solche Vorbilder gern in meiner Jugend vor Augen gehabt. Ich kannte eher Frauen, die waren, wie ich nicht werden wollte. Tja, es ist wie es ist und: Es war wie es war.
    Auch dir herzliche Gutenachtgrüße

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