Anne Cathrine Bomann, Agathe

„‚Sie sehen traurig aus, Doktor, aber das tun Sie ja immer. Sind Sie traurig?‘
Es war eine einfache Frage, Doch sie war mir noch nie gestellt worden und traf mich wie ein Schlag in die Magengrube.“


Diese Frage stellt Agathe Zimmermann ihrem Psychiater, dem Ich-Erzähler dieses leisen, fein erzählten Romans, der mit seinen 72 Jahren kurz vor seinen Ruhestand steht. Der Roman beginnt so:

MATHEMA
wenn ich mit zweiundsiebzig in den Ruhestand ging, hatte ich noch fünf Monate zu arbeiten. Das entsprach zweiundzwanzig Wochen oder, falls alle Patienten kamen, genau achthundert Gesprächen. War jemand verhindert oder wurde krank, verringerte sich die Zahl natürlich. Darin lag trotz allem, ein gewisser Trost.

Routiniert, ohne innere Beteiligung, eher gelangweilt hört er seinen Patienten zu, meist sind es Frauen.
„Mhm“, brummte ich … . Dieser bescheidene Laut, der keinerlei Anstrengung erforderte, reichte in der Regel, um die Patienten zum Sprechen zu bringen.

Von den meisten hat er mittlerweile den Eindruck, dass sie ihr Leben, ihre Situation gar nicht verändern wollen, sondern sich in ihrem Jammertal eingerichtet haben und er ihnen nicht wirklich helfen kann. Und, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich ist, auch nicht weiß wie. Er ist zwar alt, scheint aber keine wirkliche Lebenserfahrung – zumindest nicht mit Menschen zu haben. Einem Patienten gegenüber wird er völlig hilflos, als dieser ihm schluchzend vom Tod seiner Frau erzählt. Mit routinierten Sätzen, versucht er dies zu verbergen:

„Es ist allgemein bekannt, dass man in Zeiten großer Trauer, wie Sie sie gerade erleben, zu einen früheren Stadium regredieren kann“, begann ich und merkte, wie ich immer hastiger sprach.“ – Ja, genau solche Sätze braucht man in einer solchen Situation.

Dem sterbenskranken Mann seiner Sekretärin gegenüber gesteht er:
„Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht richtig, wie ich Ihnen helfen soll, Thomas“, sagte ich. „Ich habe noch nie jemanden geliebt.“

Die Routine in seinen Behandlungen, aber auch in seinem Privatleben wird – zunächst und sehr subtil – unterbrochen durch Agathe Zimmermann, eine neue Patientin, die es gegen seinen erklärten Willen und mit dem Wissen, dass er noch kurze Zeit praktizieren wird, geschafft hat, seine neue Patientin zu werden. Dann will sie auch noch – entgegen aller Gepflogenheiten – mit ihrem Vornamen angesprochen werden.

Er beginnt ganz allmählich, sein Verhältnis zu seinen Mitmenschen, seinen Patienten, vor allem zu seiner langjährigen Sekretärin zu überdenken und bemerkt: Von ihr weiß er so gut wie nichts. Und sein Nachbar, zu dem er eine „innige Beziehung zu haben glaubt“, den er aber noch nie gesehen, sondern ihn immer nur gehört hat, stellt sich als taubstumm heraus. Zudem stellt er eines Abends fest:
„An diesem Abend hatte ich es auf einmal satt, dass mein Zuhause seit Jahrzehnten haargenau gleich aussah…. Mir wurde bewusst, dass ich in meinem Erwachsenenleben nicht einen neuen Gegenstand angeschafft hatte, noch nicht einmal eine Gabel oder eine neue Matratze für mein Bett.“

In ihrer Arbeit machen sie Fortschritte. Die Stunden mit Agathe beginnen ihn zu faszinieren. Und: Sie beginnt ihn als Frau zu faszinieren. Er nimmt ihren Duft, ihre Kleidung, ihren Körper wahr, träumt von ihr und geht ihr heimlich nach.

„Ich weiß nicht, was ich zu sehen gehofft hatte, doch sie saß mit dem Profil zum Fenster auf einem Stuhl im Wohnzimmer und starrte in die Luft, vielleicht vier Meter von mir entfernt. Ihr Gesicht war eine leblose Maske, und erst als ich die Augen zusammenkniff, sah ich die Tränen, die wie Tintentropfen auf den roten Stoff ihrer Bluse fielen. … Mir war, als hätte ich ein Geheimnis entdeckt … als hätte ich ein wunderbares, doch verbotenes Geschenk erhalten. Das Blut dröhnte mit in den Ohren, und wieder und wieder sah ich Agathes offenen Mund vor mir, die Bluse eng an ihrem zierlichen Körper lag. Für einen Moment gab ich mich ganz der Verzückung hin.
Dann öffnete ich die Augen. So durfte ich nicht denken. Agathe war meine Patientin, ich war ihr Arzt, und meine Aufgabe war es, ihr zu helfen!“

Doch gerade im Kontakt mit dieser Patientin entstehen zunehmend Empathie und ein daraus resultierendes wirkliches Verständnis für sie, die ihn von seiner routinierten psychiatrischen Anteilnahme wegführen, auch zur eigenen Lebendigkeit, trotz seines Alters. Offen bleibt am Schluss, welche konkreten Auswirkungen das auf sein komplettes Leben haben wird.

Die Autorin arbeitet in Kopenhagen als Psychologin, hat aber in Paris gelebt, wo auch der Protagonist aus „Agathe“ zu Hause ist. Ihr ist ein interessanter Roman gelungen, der leise erzählt wird, ohne großes Aufheben, aber mit viel Tiefgang und Empathie für die Hauptfiguren.

Anne Cathrine Bomann, Agathe. Roman. a.d. Dänischen v. Franziska Hüther, hanserblau a.d. Carl Hanser Verlag, München 2019, 156 S., ISBN 978-3-446-26191-4

Datum: 6. Februar 2019
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2 Kommentare

  1. Sonja | Mittwoch, 6. Februar 2019 17:06
    1

    Genau diese Art von Buch ist es, die mich durch mein Leben trägt…
    Danke für die zartsinniginnige Besprechung!
    Ich weiß, ich will es lesen, unbedingt.
    Gruß von Sonja

  2. mona lisa | Donnerstag, 7. Februar 2019 9:34
    2

    Fein, dann lass mich bei Gelegenheit doch mal wissen, ob die Bücher bei dir einen ähnlichen Eindruck hinterlassen – hier oder auch per Mail, interessiert mich schon ;)
    Liebe Grüße in deinen Tag

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